Aktueller Zwischenstand der Bologna-Reform am Institut für Politikwissenschaft in Leipzig

Liebe KommilitonInnen, hier folgt der Inhalt des Vortrags von der Vollversammlung am 25. Mai 2005 über den derzeitigen Stand der Umsetzung der Bologna-Reform (also BA/ MA) an unserem Institut. Ich habe das komplexe Thema weitgehend vereinfacht und auf die wesentlichen Aspekte reduziert, um auch jenen, denen der Bologna-Prozess noch nicht so viel sagt, Informationen zur Verfügung stellen zu können. Außerdem habe ich weitgehend kritiklos den Ist-Zustand dargestellt. Ich hoffe, dass im Anschluss möglichst viele Punkte noch diskutiert werden.
Viele Entscheidungen fallen aber auf Ebenen, die außerhalb unseres Zugriffs liegen.
Zu guter Letzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass die kleinen Erfolge des fsr bei der Mitgestaltung auch nicht einzeln aufgeführt werden, wir haben aber einige Grausamkeiten entschärfen können (u.a. Zugangsvoraussetzungen wie Chinesischkenntnisse etc.). Bei dem nun folgenden Text handelt es sich eher um den Leitfaden für mein Referat und weniger um einen strukturierten und ausformulierten Artikel. Ich denke, dass der Zweck trotzdem erfüllt wird.

Übrigens: der spannendste Punkt kommt ganz am Schluss.


Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeines
1.1. Der Bologna-Prozesss
1.2. Ebenen der Vorgaben
1.3. Zeithorizont
1.4. Modularisierung und ECTS
1.5. Studierendenzahlen
1.6. Akkreditierung
1.7. Informationsquellen

2. BA
2.1. Struktur
2.2. Module
2.3. Prüfungen
2.4. BA-Arbeit
2.5. SQs: Schlüsselqualifikationen
2.6. Allgemeine Bewertung

3. MA
3.1. Struktur
3.2. Schwerpunkt
3.3. Zugangsvoraussetzungen

4. Übergangszeit: 3 Szenarien zur Handhabung der Doppelstrukturen


1. Allgemeines

1.1. Der Bologna-Prozesss

► ist der Versuch, einen harmonisierten europäischen Hochschulraum zu schaffen

► Läuft seit 1999

► derzeit über 40 Staaten beteiligt

► letzter Höhepunkt war die Bologna-Follow-Up Konferenz in Bergen Mitte Mai 05

► Wesentliche Kernpunkte
– Gestufte Studiengänge im 3 Jahre – 2 Jahre Muster (undergraduate, graduate bzw. Bachelor/ Master). Der BA gilt dabei aber als berufsqualifizierender Abschluss.
– Modularisierung
– ECTS (European Credit Transfer System)
– Vergleichbare Abschlüsse: überall BA/ MA; Diploma Supplement
Diploma Supplement: Alle Modulbeschreibungen werden Teil des offiziellen Zeugnisses. Diploma Supplement wird immer zweisprachig ausgestellt.
WICHTIG: auch jetzige AbsolventInnen haben Anspruch auf ein zweisprachiges Zeugnis!

Zusätzlich gibt es noch einen Haufen Begleitlyrik, die in der konkreten Umsetzung irrelevant ist: Qualitätssicherung (lediglich bzgl. Akkreditierungsagenturen wichtig), Internationalisierung, Mobilität, Europäische Dimension und weiteres bla bla

1.2. Ebenen der Vorgaben
► Europa: Bologna-Declaration und Follow-Up-Bestimmungen (Paris, Berlin, Bergen)
► BRD (Rahmenvorgaben der KMK)
► Sachsen (§ 8 SächsHG, RVOs)
► Uni (Eckpunktepapier, siehe 1.7)
► Fakultät (Fakultätsrat, sehr intransparente Entscheidungsfindung)
► Institut (Institutsrats-Beschlüsse… oder auch nicht Beschlüsse)

1.3. Zeithorizont
Einführung des BA sicher für 2006/07
Der Master soll nach dem Willen der Prorektorin für Lehre Frau Schubert gleichzeitig eingeführt werden, die Institute bevorzugen aber Einführung ein Jahr später. Anscheinend hat Schubert sich durchgesetzt.

1.4. Modularisierung und ECTS
► Leipziger Regelung: Module geben uniweit 10 LP und bedeuten damit bis zu 300h workload pro Semester; davon 6SWS Präsenzstudium, der Rest Selbststudium

Beispielmodule im BA

An unserer Uni setzen sich Module zusammen aus drei LVs, bei uns zumeist, aber NICHT ZWINGEND 1 Vorlesung, 1 Seminar, eine weitere Veranstaltung (Übung, Tutorium etc.).

► ECTS sind Leistungspunkte, die dem Arbeitsaufwand (workload) entsprechen sollen. Faustregel: 25-30 Arbeitsstunden sind ein Credit Point/ Leistungspunkt (CP/LP). D.h., ein Modul mit 10 LP soll 300 Arbeitsstunden für „eine/n durchschnittlichen StudentIn“ darstellen. Die Diskussion darum, wer ein durchschnittlicher Student ist, ist also vorprogrammiert.
Die ECTS stehen in keinem Verhältnis zur der Bewertung der Leistung. Jedes bestandene Modul bedeutet gleichviel LP, egal ob es mit 1,0 oder 4,0 abgeschlossen wurde.

1.5. Studierendenzahlen
120 pro Jahrgang für den BA, 40 für den Master.
Der verbreitete, inoffizielle Richtwert, dass nur 1/3 der Studierenden auch den Master machen dürfen wird also übernommen.
Find ich persönlich sehr problematisch, allerdings wäre die Alternative z.B. Verhältnis von 1:1, woraus wiederum ein Absenken der Zugangszahlen für den BA folgen würde.
Da ich vermute, dass sich viele unserer KommilitonInnen für einen anderen Master entscheiden (Insbesondere Regionalstudien etc, da unser MA sehr allgemein ist) find ich es für unsere Studierenden nicht so dramatisch, grundsätzlich aber auf jeden Fall problematisch.
Das ist die erste Bildungsreform in Deutschland, die das durchschnittliche Bildungsniveau absenken wird.

Unklar ist auf jeden Fall, wie groß die Nachfrage sein wird. In einem Gespräch mit Simone Raatz (HoPo-Sprecherin SPD-LT-Fraktion) habe ich z.B. erfahren, dass sich die Staatsregierung Gedanken macht, dass zu WENIGE einen MA machen wollen:
Es wird befürchtet, dass die BA-AbsolventInnen vom Arbeitsmarkt absorbiert werden (über Trainee-Jahre etc. erhalten sie letzten Schliff) bzw. nur jene, die sich am Arbeitsmarkt nicht durchsetzen können, an die Uni zurückkehren. Der „Kampf um die besten Köpfe“, wie er in der Bologna-Erklärung postuliert wurde, wäre damit verloren.

Die Sorge halte ich allerdings für mehr als unberechtigt, nicht zuletzt angesichts (1) der Lage des Arbeitsmarkts, (2) der noch geringen Akzeptanz des BA und (3) des Bedürfnisses nach Sozialprestige, welches nur über den MA zu befriedigen ist. Aber vielleicht verfügt das SMWK aber auch über mir unbekanntes empirisches Material zu diesem Thema. Szenario wird sich m.E. nur für sehr wenige Studiengänge wie Informatik etc. bewahrheiten.

Wahrscheinlicher ist eher ein Studium, welches eine ganz neue Konkurrenz gegenüber den KommilitonInnen aufweist, da nur jeder Dritte durchkommt. Dies ist aber wohl auch gewollt.

1.6. Akkreditierung
Die Studiengänge werden nicht mehr wie bisher im SMWK akkreditiert, sondern werden von sog. Akkreditierungsagenturen akkreditiert, die wiederum erst vom Akkreditierungsrat akkreditiert werden müssen (alles klar?). Es gibt also auf Bundesebene ein Gremium, Akkreditierungsrat, welches privaten Agenturen die Lizenz erteilt, Studiengänge zu akkreditieren. Diese Akkreditierungsagenturen kommen an die Unis und stellen fest, ob das Konzept den gesetzlichen Vorgaben entspricht und in der vorgesehenen Form auch studierbar ist. Da die Akkreditierungsagenturen gewinnorientiert arbeiten, neigen sie aber dazu, alles zu akkreditieren, da sie sonst von keiner anderen Uni mehr beauftragt würde. Bei eklatanten Missständen werden daher nur Auflagen erteilt. Nach ein paar Jahren kommen sie wieder und kontrollieren, ob die Auflagen erfüllt wurden; d.h. sie kriegen doppelt Geld. Die Unis wissen darüber hinaus natürlich, welche Akkreditierungsagenturen besonders kritisch die Interessen der Studierenden berücksichtigt und laden diese Agenturen nicht ein.
Wer Interesse hat, kann sich übrigens für den studentischen Pool melden, der Studierende in die Akkreditierungsagenturen entsendet. http://www.studentischer-pool.de/

1.7. Informationsquellen

www.fzs.org

www.bmbf.de/

www.bologna-bergen2005.no

http://www.uni-leipzig.de/studref/index.htm

2. BA

2.1.Struktur
► Es gibt demnächst zwei Bachelorstudiengänge an der Fakultät (a) KMW und b) „Sozialwissenschaften und
Philosophie“. Die starre Institutsstruktur wird also aufgeweicht und die Studierenden des BA „SoWi und Philo“ werden trotz
unterschiedlicher Kernfächer den gleichen Abschluss erhalten.
► Der BA ist untergliedert in ein Kernfach (KF, bei uns PoWi), 1 Wahlbereich (WB), und den
Bereich der Schlüsselqualifikationen (SQ)
► Ein BA bedeutet 180 Leistungspunkte (KF 60 LP +10 LP BA-Arbeit; WB 80 hierbei evtl
max 60+20; 30 SQ)
► Eingangsphasen: Die ursprüngliche von der Fakultät angestrebte große
Wechselmöglichkeit (Festlegung erst nach dem 2. Semester, da WB und KF zu Beginn
parallel studiert werden können) ist offensichtlich nicht durchzusetzen. Voraussichtlich
leichter Wechsel zu Beginn wird aber begrüßt

Struktur BA

Der Wahlbereich ermöglicht es den Studierenden, Module nach eigenem Interesse aus dem Fächerangebot der anderen Institute und Fakultäten auszuwählen. Klingt paradiesisch, hat aber natürlich einen Haken. Zugriff haben die Studierenden nur auf Module, die im Rahmen des Im- und Exports von Lehrangeboten zwischen den Fakultäten und Instituten getauscht werden. D.h., wenn wir für die Juristen ein Modul öffnen, was z.B. auch das Polit. System der BRD oder so behandeln wird, dürfen wir ihm Gegenzug bei ihnen ein Staatsrechtmodul besuchen. Die Breite des Wahlangebots hängt also von zwei Faktoren ab:
a) Verhandlungsgeschick des Dekans oder der Dekanin
b) Attraktivität des Lehrangebots für andere Studiengänge. Durch b) hat unser Institut daher gewonnen und Fächer wie Theologie oder Onomastik verloren

2.2. Module
6 Module, die doppelt angeboten werden. Ungewöhnliche Lösung, die ich angesichts der extrem hohen Wahlmöglichkeiten aber akzeptabel finde.
Einzelne Module sehen so aus

Beispiel Modulbeschreibung im BA

Diese Modulbeschreibungen werden Bestandteil des Diploma Supplements und sollen für erhöhte Transparenz gegenüber weiterführenden Unis, Arbeitgebern; Praktikastellen etc. sorgen.

2.3. Prüfungen
Erfolgen für die Lehrveranstaltungen des Moduls einzeln. Bei uns werden zwei von drei Veranstaltungen notenrelevant zu Ende abgeprüft, die dritte wird geprüft, ohne Einfluss auf das Ergebnis zu haben.
Insofern ok, da
a) somit Hausarbeiten erhalten bleiben
b) bei Misserfolg auch nur eine der Teilprüfungen wiederholt werden kann
c) das arithmetische Mittel aus beiden Prüfungen 4,0 oder besser sein muss

2.4. BA-Arbeit
23 Wo Bearbeitungszeit. Wird eine Mischung aus Hausarbeit und Magisterarbeit, sowohl vom Umfang als auch vom Anspruch her.

2.5. SQs
Die Einbindung von Modulen für Schlüsselqualifikationen ist eine Vorgabe des Bologna-Prozesses. Sie sind für jede/n Studierende/n obligatorisch. Für unseren BA heißt das:
1. Sem. Rationales Argumentieren
4. Sem. Praktikum
5. Sem. wenn möglich, werden die 10 LP für den Auslandsaufenthalt verteilt. Für alle, die es nicht ins Ausland schaffen, gibt es ein alternatives Modul, das aber noch nicht feststeht.

2.6. Allgemeine Bewertung
Die reine Struktur des BA an dieser Fakultät ist m.E. aufgrund der hohen Wahlmöglichkeiten unter gegebenen Umständen sehr gut. Es muss aber beachtet werden, dass die gleichen DozentInnen, die maßgeblich diesen BA konzipiert haben, im ersten Anlauf auf Institutsebene eine grausame Verschulung durchsetzen wollten.
Da ich aber in erster Linie einfach den Zwischenstand skizzieren will, verzichte ich vorerst auf die Bewertung einzelner Aspekte; auch wenn es sicherlich an anderer Stelle nachgeholt werden sollte.

3. MA

3.1. Struktur
Hier zeigt sich, dass sich der Fach-Lehrstuhl offensichtlich bzgl. der inhaltlichen Ausgestaltung durchsetzen konnte.
Wie auch für die BA-Module gilt allerdings zu beachten, dass unsere derzeitigen Profs fast komplett bis zum richtigen Beginn des BA/MA-Struktur emeritiert sein werden. D.h., es ging weniger darum, eigene Veranstaltungen durchzubringen als vielmehr darum, Plätze für Nachfolger zu reservieren.
Daher sind alle Module Kompromisse, unter die sehr verschiedene Ansätze und Inhalte gefasst werden können. Wenn ihr jetzt nicht genau wisst, was ihr euch darunter vorstellen sollt, dann ist das Absicht.
Entschieden wurde sich jetzt für 5 inhaltliche Module, ein Methodenmodul und ein Projektmodul, hinzu kommen noch ein Forschungscolloquium und die MA-Arbeit.

3.2. Schwerpunkt
Geplant war ein forschungsorientierter MA (alternativ dazu gibt es eigentlich den anwendungsorientierten MA), der wohl dem Selbstverständnis und dem bisherigen Ausbildungsziel, so es denn eins gibt, auch besser entsprochen hätte. Die Integration von zu vielen sog. Projektmodulen, die in Anbindung an die Forschungsprojekte der DozentInnen gestaltet werden sollten, war aber nicht möglich, da offensichtlich nicht genügend Forschungsprojekte vorhanden sind… Zum Beispiel haben wir derzeit nur sehr wenige (ich glaub 3, leider gibt es dazu natürlich keine/unzureichende Angaben des Instituts, wie es an anderen Instituten selbstverständlich wäre) drittmittelfinanzierte Projekte am Institut, die eine breite Forschung erst möglich machen.

3.3. Zugangsvoraussetzungen
Bisher noch unklar, es soll aber definitiv eine zusätzliche Eignungsfeststellung (Aufnahmeprüfung) vorgenommen werden.
Auf genauere Modalitäten konnte sich bisher nicht geeinigt werden, da hier ein Zielkonflikt besteht: minimaler Arbeitsaufwand für das Institut gegen Kriterien, die nur die richtigen Studierenden durchlassen. Grundsätzlich 3 Optionen im Institutsrat diskutiert:
– BA-Note. Problem: Notendurchschnitt an den Unis stark abweichend
– schriftliche Bewerbung mit Forschungsskizze o.ä. Problem: besonders leicht zu manipulieren
– Vorstellungsgespräche, Aufnahmetests. Problem: hoher Aufwand, hohe Kosten für Studierende (Bearbeitungsgebühren von 50€ plus Reisekosten und Übernachtung macht bei 3-5 Bewerbungen pro Studierenden bei der Suche nach einen MA-Platz ordentlich was her)

4. Übergangszeit

Handhabung der Doppelstrukturen

Zu der Frage, wie mit den Doppelstrukturen umgegangen wird, die sich nach der Immatrikulation der ersten BAs und MAs ergibt fehlt noch die entscheidende Rechtsverordnung aus dem SMWK, wir sind aber da dran

3 Szenarien:

a) Niemand darf wechseln, wurde angeblich zumindest vor Landtagswahl von SMWK bevorzugt

b) Doppelstrukturen bleiben erhalten, solange bis alle raus sind. Wechsel wird Studierenden freigestellt und ist auf Antrag möglich

c) Umcodierung wird leicht ermöglicht. Das Institut übt auf Studs Druck aus zu wechseln und setzt den Bestandsschutzauslauf (Bestandsschutz: das Recht, einen Studiengang in der Regelstudienzeit zu beenden) konsequent um.
Unangenehmste, aber wahrscheinlichste Lösung

Ich erwarte hier den zentralen Punkt für die Auseinandersetzungen im nächsten Jahr, da dass Institut versuchen wird, die Studierenden in die BA/MA-Struktur zu zwingen. Alle, die Diplom oder Magister-Abschlüsse machen wollen, werden also um ihren Studiengang kämpfen müssen.
Ein kleiner Auftakt hierzu wäre eine schriftliche Erklärung, dass jede Form von Wechsel abgelehnt wird und die beim fsr gesammelt wird. Wenn da genug zusammenkommt, können wir uns den Konflikt vielleicht sparen.

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