Auch in der Albertina muss man sich nicht alles gefallen lassen

Für eine Überraschung gut war neulich die Albertina, als unserem Kommilitonen Florian Dieckmann unglaubliches passierte. Ausgang der Geschichte, die sich bis in Rektoratskreise erstreckte, war ein handgreiflicher Streit um die Benutzungsordnung. Florian hat mir die Geschichte erzählt.
Warum willst Du diese Geschichte unbedingt erzählen?
Es ist ein Problem, dass kaum bekannt wird, was hinter den Uni-Kulissen so abläuft – vor allem bei Beschwerden. Man muss Schluss machen mit der allgemeinen und zumeist unnötigen Angst vor persönlichen Nachteilen, nur weil man mal offensichtlich anderer Meinung ist. Aber dazu fehlen positive Beispiele, die allgemein Mut machen, die Dinge anzusprechen und zu ändern.Was genau ist nun an diesem 3. Juni in der Albertina passiert?
Ich saß im Lesesaal an einem PC, wollte einen spontanen Gedanken zu einem Seminar im Powi-Forum festhalten. Plötzlich stand ein Mitarbeiter der UB neben mir und forderte mich laut auf, das bitte zu lassen; das sei gegen die Benutzerordnung. Da er mich duzte und sich auch sonst nicht als Mitarbeiter zu erkennen gab, verwies ich ihn auf die vielen anderen freien Computer. Er ging darauf nicht ein und drohte mir, mich aus der Bibliothek zu werfen und mir meine Benutzerkarte abzunehmen. Ich fuhr ihn an, was ihn das anginge – schließlich hielt ich ihn für einen Kommilitonen. Im nächsten Augenblick griff er dann nach der Tastatur. In Angst um meine Arbeit griff ich ihm in die Arme. Es kam zu einem kurzen Ringen. Alles war ungeheuer aggressiv. Nach lautem Streit ließ er mich meine Arbeit dann doch abspeichern und ging wortlos weg. Ich bin ihm dann gefolgt, stellte ihn zur Rede und erfuhr erst so, dass er Mitarbeiter der UB ist. Bei alldem hatten wir reichlich Publikum.

Hast Du denn gegen die Nutzerordnung verstoßen?
Ja, vielleicht, wenn man das Schreiben eines Forenbeitrags als „Textverarbeitung“ auffasst. Na und? Ich meine, ich habe ja schließlich keine Pornobildchen runtergeladen oder rassistischen Inhalten nachgespürt, sondern habe sogar was „für das Studium“ gemacht.

Wie hast Du Dich beschwert?
Ich habe noch am nächsten Tag einen zweiseitigen Beschwerdebrief an die Direktion der UB geschrieben – mit einer Kopie an meinen Vater.

Warum die Kopie an Deinen Vater?
Weil ich wissen wollte, was er denkt – ob er meine Reaktion für angemessen hält und ob ich Rückendeckung habe. Ich hätte allerdings dazu schreiben sollen, dass ich mir elterliche Schreiben an die Uni verbitte. Der hatte nämlich nichts eiligeres zu tun, als dem Rektor seine Meinung mitzuteilen und Maßnahmen zu fordern.

Was dachtest Du darüber, dass Dein Vater das gleich nach ganz oben weitergeschickt hat?
Zuerst hab’ ich mich drüber ziemlich aufgeregt. Aber im nachhinein betrachtet war das gar nicht so falsch. Schließlich ist es schon kurios: Die Eltern finanzieren zwar einen Großteil dieser ganzen Veranstaltung namens „Universität“, werden aber schön von allem abgeschirmt. Für die Uni ist es wahnsinnig bequem, dass wir alle „erwachsen“ und von unseren Eltern unabhängig sein wollen. Auf die Art muss sich die Uni nämlich vor niemandem verantworten. Dabei ist es schon so, dass Eltern wesentlich mehr Autorität haben, als der kaum zwanzigjährige Student. Als das Gespräch mit Frau Bauer, der stellvertretenden Leiterin der UB, darauf kam, hat auch sie festgestellt, dass auch im Hinblick auf z.B. Spenden für die Uni u.a. die Beziehung zu den Eltern sträflich vernachlässigt wird.

Wie haben die Verantwortlichen auf Deine Beschwerde reagiert?
Frau Bauer schrieb mir schon Montag morgen, sie sei fassungslos und bat um ein Gespräch. Sie schrieb wörtlich, das sei „ein dicker Hund“. Am Telefon bot sie mir einen Gesprächstermin an und wir waren uns einig, dass es genau um den Amtsschimmel gehe, den man an Behörden so überhaupt nicht leiden könne. Als ich zusagte wusste ich aber noch nicht, was ich von dem Gespräch erwarten könne.

Glaubst Du, dass erst das Eingreifen Deines Vaters den Stein ins Rollen brachte?
Ich weiß es nicht, glaube es aber nicht. Die Frage ist, ob die Einmischung der Eltern die eigene Autorität untergräbt. Ich denke, da mache ich aber eine gute Figur. Geschadet hat es zumindest nicht.

Und wie lief das Gespräch ab?
Ehrlich gesagt, durchwachsen, aber überraschend sympathisch und konstruktiv. Das Gespräch fand mit Frau Bauer, dem Mitarbeiter und seinem Vorgesetzten statt. Ich fühlte mich nicht gut, weil der Mitarbeiter sichtlich unter Stress stand. Nachdem er sich bei mir entschuldigt hatte, habe ich versucht klar zu machen, dass es gar nicht um Entschuldigungen und Kniefälle geht – sondern dass ich gerne das Zustandekommen solcher Situationen analysieren wolle. Der Mitarbeiter tat mir leid und ich fühlte mich schon fast schuldig. Überflüssig und problematisch fand ich, dass sein unmittelbarer Vorgesetzter dabei war. Da saßen drei gegen einen – ob gegen mich oder den Mitarbeiter kann man sich dann aussuchen – was das Gespräch nicht eben einfacher machte. Noch ehe sich mit dem Mitarbeiter ein Gespräch entwickeln konnte, ergriff der Vorgesetzte das Wort und schwang lange Reden über das EDV-System; dass der Kanzler an den PCs alles erlauben lassen will, was nicht die Systemsicherheit gefährdet, dass man aber zuerst eine Nutzerkennung installieren wolle usw., aber dass ich halt tatsächlich gegen die Anlage zur Benutzerordnung verstoßen hätte.

Was war denn das Ergebnis des Ganzen?
Also, es hat wohl intern ein Personalgespräch gegeben. Außerdem hat wohl das Rektorat um eine schriftliche Stellungnahme gegenüber meinem Vater gebeten. Im Gespräch habe ich dann spekuliert, ob eine Ursache nicht vielleicht darin bestünde, dass die Mitarbeiter unter Druck stehen. Es ist doch die Frage, welchen Ermessenspielraum sie haben und wie viel Freiheit ihnen die „Hierarchie“ in ihrem eigenen Rollenverständnis lässt. Da vermute ich Probleme. Schließlich war die eigentlich überflüssige Anwesenheit des Vorgesetzten ja auch so ein Indiz für die relative Unfreiheit bspw. des besagten Mitarbeiters. Ich meine, der hätte doch auch ganz allein mit mir und Frau Bauer reden können..

Hat die Geschichte Folgen für die Internetnutzung an den Terminals, sowohl für Dich als auch allgemein?
Die Foren wird man weiterhin nutzen dürfen. Das hat Frau Bauer mehrfach betont. Überhaupt sehe ich Anzeichen, dass Elsenhans These, die hiesigen Führungspersonen würden konfligierendes Verhalten nicht honorieren, sich zumindest in diesem Fall nicht bestätigt. Das Problem liegt vielleicht eher im Verwaltungsmittelbau, der bürokratisch seinen Regeln folgt. Ich denke, wir konnten uns darauf einigen, dass eines der Probleme darin besteht, dass sich die Benutzerordnung allein Grund genug ist und dass die Mitarbeiter daher dem Fehlschluss erliegen, man müsse das ohne weitere Erklärungen durchsetzen. Dabei – und da war die Frau Bauer ganz auf meiner Seite – hat die Benutzerordnung in solchen Fällen ja vor allem den Charakter eines Leitfadens und ist bereits ein bisschen veraltet. Ich denke, die werden die Benutzerordnung bei Gelegenheit ändern.

Du hast gesagt, im Gespräch mit der UB sei auch Arroganz diskutiert worden.
Ja, es ging darum, ob Konflikte mit dem Personal entstehen, weil man dem Personal gegenüber arrogant ist. Insbesondere ich gelte bei manchen Mitarbeitern als „arrogant“. Aber das trifft auf die Situation ja wohl kaum zu – schließlich habe ich ja da nur vor mich hingetippt. Außerdem: ein bisschen mehr Selbstbewusstsein unter den Kommilitonen wäre wünschenswert. Das kann, wer mit selbstbewussten Menschen nicht umgehen mag, auch Arroganz nennen. Leider sorgt nämlich die permanente Ablehnung der eigenen Person, wie sie wohl jeder Student hier von der Immatrikulation über den Bafögmist bis zum Prüfungsamt erleben kann, für viel zu viel Angepasstheit nach der Devise „bloß nicht auffallen“. Dass es mit Initiative unter Studierenden mau aussieht, muss bei diesem dauernden Sichkleinmachenmüssen keinen wundern. Übrigens ist in Sachen Konflikt zwischen Nutzern und Bibliothekspersonal interessant, dass an der UB wohl Konflikttrainings mit den Mitarbeitern durchgeführt werden und das sogar eine Arbeitsgruppe zur Serviceverbesserung eingerichtet worden ist. Auch so was bekommt man ja normalerweise nicht mit.

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