Christiansen und die Politikberatung: Die etwas andere Sicht der Dinge.

In seinem Buch „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen. Wie das Palaver uns regiert“ erzählt Walter van Rossum, wie die mediale Plattform „Christiansen“ systematisch die Stimmung im Land zugunsten bestimmter Interessengruppen beeinflusst. In seinen Recherchen zu den Studiogästen steigert sich Rossum zu der These, dass Christiansen als ein Teil eines weitläufigen Systems gesehen werden könnte, dass hinter den Kulissen die Mechanismen der Demokratie kunstvoll außer Kraft setzen kann. Mit einem ironischen Lächeln zeigt er die personellen Verbindungen zwischen Wirtschaft, Medien und Politik auf, deren Machtmissbrauch weder vom investigativen Journalismus beleuchtet, noch in irgendeiner Form strafrechtlich geahndet wird. Ausnahmen sind Fälle wie Möllemann, Friedmann oder Gerster. Doch auch hier verwirkt das Palaver die Chance auf kritische Öffentlichkeit. Rossums Essays sind anregend zu lesen, auch wenn man ihm Kritik kaum ersparen kann.
Der entscheidende Mechansimus ist, so van Rossum, dass sich niemand an den Strom der sonntäglichen „Talks“ erinnern kann. Schließlich dient der „Talk“ auch nicht der Entscheidungsfindung bei der Wahl gesellschaftlicher Alternativen. Er dient Rossums Beobachtung zufolge allein den „Experten“, ihre Interpretation der Sachzwänge und des notwendigen darzulegen. Wertende Erinnerungen würden diese Einübung der gewünschten Sicht der Dinge behindern. So geht es „leitmotivisch […] jeden Sonntag darum, Deutschland erst in Gefahr zu wiegen, um es anschließend zu retten“, mit dem Ziel, landesweite Zustimmung zu generieren: Es muss was passieren!

Dass die Losung, „wir“ könnten uns „diese Gesellschaft“ nicht mehr leisten, ohne weitere Erläuterungen ausgeben werden kann, sieht Rossum als Konsequenz der allgemeinen Mangels televisionärer Wirtschaftskunde, wie wir das aus anderen Sendungen oder dem früheren Telekolleg gewöhnt wären. Überzeugend ist nicht die wirkliche Information, sondern die symbolische Verbindlichkeit der auftretenden Personen. Unbegründet wird bei Christiansen der Mythos der kausalen Beziehung von Wachstum und allgemeinem Wohlstand gepredigt, ohne einen wie auch immer gearteten Beweis erbringen zu müssen.

Dieser Kartentrick der Studiogäste funktioniert Rossum zufolge deshalb so gut, weil man verlässlich mit dem guten Willen des Bürgers rechnen kann, dem allgemeinen Wohl und damit verbunden „unserer Wirtschaft“ nicht zur Last fallen zu wollen. Und so nimmt der allgemeinwohlorientierte Bürger die „Einschnitte“, die man ihm androht, untertänig hin, in der Hoffnung, dank weniger Lohn, mehr Arbeit und weniger sozialen Leistungen eines schönen Tages doch noch den eigenen Reallohn sichern und auch anderen die Chance auf Arbeit erhalten zu können.

Rossum durchbricht jedoch diese Verführung durch das serielle Palaver und erinnert beispielhaft, was gesagt und was tatsächlich getan worden ist. Anhand u.a. der Steuerreform im Dezember 2003 wird dies besonders deutlich. Die Wirtschaft kann de facto gar nicht ohne die durch den Bürger bezahlten Subventionen leben, und so bleiben die eifrig geforderten Subventionskürzungen einzig auf den privaten Bereich beschränkt, während „unserer Wirtschaft“ zugleich gehörige Steuergeschenke eingeräumt werden. Und bei Christiansen? Hier sitzen Unternehmer und heimliche Aufsichtsräte, die kein Problem damit haben, für Steuersenkungen zu plädieren, während sie ohne das Wissen des Zuschauers gleichzeitig interessante Verbindungen zu den Machthabern unterhalten und selbst erheblich von Subventionen zu profitieren.
Wenn Rossum dabei auch über anekdotische Beweise nicht hinauskommt und den Leser auf Dauer mit Zitatesammlungen langweilt, so gelingt es ihm dennoch, pointiert an all die Geschichten zu erinnern, die man tatsächlich schon wieder vergessen hat.

Rossums zweiter Essay schwenkt dann hinüber in Christiansens Einfluß auf die Außenpolitik. Dies jedoch bleibt jedoch eher ein Excurs zwischen dem eigentlichen kausalen Zusammenhang des ersten und dritten Essay.
Erst in seinem dritten Essay gewinnt Rossums Buch eine gewisse Explosivität. Hier wärmt er sich zunächst an den Fällen Möllemanns, Friedmanns und Gauweilers auf, um seine Kernthese in der Analyse des Phänomens „WMP Eurocom AG“ brillieren zu lassen. Ganz harmlos werden dem Leser zunächst die knapp dreizehn (13) „Nebentätigkeiten“ des mittlerweile verstorbenen Günter Rexrodt aufgelistet, um im weiteren deren „Synergiepotential“ in Kombination mit den Vorteilen des Bundestagsabgeordnetenstatus zu erörtern. Zu den Nebentätigkeiten gehören im wesentlichen Aufsichtsratsposten in Kapital- und Immobiliengesellschaften, die international agieren und nicht in geringerem Umfang von Privatisierungs- und Liberalisierungsbemühungen der Politik profitieren. Rossum: „Interessant ist, wie die so genannte neoliberale Wirtschaft ganz im Gegensatz zu ihrer Selbstbeschreibung ein verblüffendes Netzwerk verschlungener Kapitalinteressen in den Händen der selben personen hervorbringt“ (159)

Regelrecht vom Stuhl fällt der unvorbereitete Leser aber dann, wenn man liest, wie eine ganze Sammlung solch schillernder Figuren sich zusammen finden, um eine Lobbyfirma wie „WMP Eurocom AG“ zu gründen: darunter Hans-Dietrich Genscher, Ex-Zentralbankchef Pohl, der Autor Peter Scholl-Latour, der Ex-ZDF-Chef Bresser, der Ex-Bild-Chef Tiedje, der Unternehmensberater Roland Berger, der Klinikbetreiber Marseille, der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Arbeit Wend, der Ex-Chef von Bertelsmann Schiphorst usw. Rossum: „Das Selbstportrait der WMP entspricht auffällig den Vorstellungen, die einst in ländlichen SED-Schulungskursen über den Zusammenhang von Wirtschaft, Medien und Politik ‚im Westen’ gelehrt wurde.

Die Aktivitäten dieser schwer an aktuelle Amerikakritiken erinnernde Junta beschreibt Rossum dann unprätentiös an drei Fällen: Den Lobbydiensten der WMP zugunsten des EU-Beitritts der Türkei, der Fusion des deutschen Gasmarktes unter E.ON wider das Bundeskartellamt und den Fall Florian Gerster.
Spätestens an Gerster wird dann interessant, wie scheinbar die Plattform Christiansen funktioniert. Regelrecht verschwörungstheoretisierend lässt Rossum uns wissen, der WMP-Vorstandschef Bilges rühme sich ausgezeichneter Beziehungen zu Christiansen. Aha.

Vehement fällt die Kritik an Rossums Buch aus, jedoch sollte man sich dadurch vom lesen nicht abhalten lassen. Was bei wohlwollender Lesart ins Auge springt, sind Rossums Übersprungshandlungen. Sicher ist der Begriff „unsere Wirtschaft“ ein verführerischer Terminus, mit dem die Bevölkerung geködert wird, doch unterlässt auch Rossum die Binnendifferenzierung der Wirtschaft. Am deutlichsten wird dies, wenn man Rossum im Verdacht hat, Ministerpräsident Althaus Plädoyer für die Stärkung des Mittelstands als weiteren Beweis der am Werke seienden Großkapitalinteressen verstehen zu wollen. Denn nicht wenige verstehen so etwas als etwas ganz anderes, was Rossum nicht einmal widerspräche. Auch die meistbejahte Rezension bei Amazon stimmt in Rossums Kritik am christiansenschen Populismus ein, bemängelt aber, dass Rossum in der Hitze des Gefechts Gefahr läuft, eine in den mittleren Schichten unglaubwürdigere Fundamentalopposition aufzumachen. Denn die Probleme, die bei Christiansen angesprochen werden, existieren ja wirklich. Was Rossum jedoch unterlässt, ist die Erörterung einer alternativen Deutung dessen, was in Deutschland wirklich passiert. Seine Analyse des Wirtschaft-Medien-Politik Komplex anhand der Betrachtung der bei Christiansen auftretenden Experten, ihrer Sprachspiele und der dringenden Frage nach den eigentlichen Hintermännern ist daher unvollständig. Dies führt zu dem verschwörungstheoretischen Beigeschmack des Buches, dass aber gar nicht van Rossums Absicht ist.

Behält man im Hinterkopf, Rossums Essays auch mal im Kontext der von anonymen Rezensenten empfohlenen Bücher eines John Lockes, Hans-Werner Sinns oder Horst Siebert zu lesen, so ist der mit Vorsicht genossene Rossum eine Hilfe, sich von der propagierten Trostlosigkeit der Tröster bei Christiansen zu befreien.

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