Das Gefühl gebraucht zu werden

Ist Arbeit mehr als ein notwendiges „Übel“ zur ökonomischen Selbsterhaltung – gehört sie zu einem „guten“ Leben? Über den Stellenwert von Arbeit in der Philosophie referierte Sabine Gürtler bei der letzten Veranstaltung der powiplus-Reihe „Phantomschmerz Vollbeschäftigung“ im Wintersemester 2005/06. Unter Bezugnahme auf große Denker wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Soren Kierkegaard präsentierte die Lehrerin dem Publikum drei philosophische Argumente für ein Recht auf Arbeit.
Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts könnte man in etwa so formulieren: Erleben alle Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden? Diese Frage, erklärte Sabine Gürtler, behandele Arbeitslosigkeit nicht nur als ein ökonomisches Problem – im Hinblick auf die eigene Existenzsicherung – oder als ein politisches Problem in dem Sinne, dass hohe Arbeitslosigkeit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie gefährde. Sie betrachte Arbeitslosigkeit auch als ein Problem der ethischen Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, in der er lebt.

Intuitiv, so die Referentin, die viele Jahre in der Studienförderung tätig war, empfänden die meisten Menschen unfreiwillige Arbeitslosigkeit als ein Unrecht – auch bei ökonomischer Absicherung. Aus philosophischer Sicht gebe es drei Argumente, die ein vom Staat garantiertes Recht auf Arbeit rechtfertigten. Das erste – naturphilosophische – Argument zielt auf die Notwendigkeit der Arbeit zur materiellen und sozialen Selbsterhaltung und findet sich bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte. Danach ist Arbeit essentiell für die Bildung von Eigentum und ermöglicht so letztlich überhaupt Leben. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit bedroht dagegen die materielle Selbsterhaltung und verletzt das Recht auf Teilhabe am Gemeineigentum.

Wer einwendet, dass die Selbsterhaltung heute nicht mehr von Arbeit abhängig ist, da die schwache Version eines Rechts auf Arbeit in Form von Lohnersatzleistungen längst realisiert ist, lässt sich vielleicht von einem zweiten Argument überzeugen. Dieses ist geschichtsphilosophisch-anthropologischer Natur und behauptet, Arbeit diene der individuellen und gesellschaftlichen Selbsterzeugung, sei zentraler Schauplatz für den geschichtlichen Fortschritt der Menschheit. Dem jungen Karl Marx zufolge, so Sabine Gürtler, würden alle Lebensformen erst durch Arbeit ermöglicht. Sie schaffe die materielle Grundlage für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, sei Quelle und Motor allen gesellschaftlichen Lebens. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit verhindere demnach Produktivität des Menschen; sie gefährde die Zukunftsorientierung und damit überhaupt die Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens.

In diesen Ausführungen könnten Kritiker eine Idealisierung der Arbeit sehen und einwenden, dass Arbeit ursprünglich Mühe und Plage bedeutete und als Last oder notwendiges Übel zur Selbsterhaltung gesehen werden muss. Man könnte behaupten, ein solches, durch reines Zweck-Mittel-Denken bestimmtes Leben sei menschenunwürdig und führe zu einer Entfremdung vom Menschsein, zu dem vor allem das Spiel, die Besinnung sowie die öffentliche und kulturelle Gestaltung gehören. Diesem Einwand steht ein drittes – moralisch-ethisches – Argument entgegen. Dieses sieht Arbeit als Option auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leistungsaustausch, als Quelle ethischer Selbstvergewisserung und moralischer Anerkennung. Nach dem dänischen Philosophen Soren Kierkegaard bildet sich der Mensch erst durch Arbeit zur moralischen Persönlichkeit. Arbeit wird als Auszeichnung betrachtet und als etwas, das einem guten Ziel dient, gesehen. Weiter solle niemand gezwungen sein, auf Kosten anderer leben zu müssen bzw. permanente Opferbereitschaft für andere an den Tag legen zu müssen. Stattdessen müsse es für jeden die Möglichkeit geben, durch Tätigkeit für andere nützlich zu sein.
In diesem Sinne beinhalte ein moralisches Recht auf Arbeit auch eine ethische Verpflichtung zur Arbeit, erklärte Gürtler, zu deren Forschungsbereiche Ethik und praktische Philosophie, feministische Philosophie und französische Phänomenologie zählen. Es ginge nicht nur um Teilhabe-, sondern auch um Teilnahmegerechtigkeit: um ein gesellschaftlich akzeptiertes und ethisch bedeutungsvolles Dasein. Für das Gefühl, für andere Menschen nützlich oder sogar unentbehrlich zu sein, nähmen die Menschen vieles in Kauf, so die Referentin, und: Dass das eigene Tun nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere Bedeutung habe, sei grundlegend für eine humane Welt.

In der anschließenden regen Diskussion mit dem Publikum wurden die Verhältnisse in Deutschland mit denen in anderen Ländern – insbesondere Skandinavien – verglichen und der Gedanke einer Pflicht zur Arbeit sowie die Idee eines allgemeinen Grundeinkommens aufgegriffen. Diskutiert wurde außerdem der Begriff der Arbeit: Bezieht er sich lediglich auf Erwerbsarbeit oder auch auf nicht bezahlte Tätigkeiten wie etwa Kindererziehung oder Altenpflege, die für die Gesellschaft ebenso wichtig sind, aber tendenziell wenig Wertschätzung erfahren? Das Fazit von Sabine Gürtler – sicherlich zu verstehen als eine Ermunterung, den Sektor der Freiwilligenarbeit zu fördern und für alle gesellschaftlichen Gruppen zu öffnen – lautete: „Es bleibt bei uns viel Arbeit liegen, weil sie nicht bezahlt wird.“

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