Den Gewerkschaften droht ein Bedeutungsverlust

Die deutschen industriellen Beziehungen werden als Prototyp sozialpartnerschaftlicher Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen bezeichnet, und die Gewerkschaften werden insbesondere in der Neokorporatismus-Literatur eher als kooperativ denn als konfliktorisch charakterisiert. Es wird ihnen zugestanden, dass sie neben ihren Sonderinteressen mitunter auch gesamtwirtschaftliche Belange berücksichtigen. In der öffentlichen Diskussion über Ursachen und mögliche Wege aus der Arbeitslosigkeit wird den Gewerkschaften jedoch zunehmend die Rolle des Sündenbocks zugewiesen und es wird ihnen vorgeworfen, die Behebung der Massenarbeitslosigkeit zu blockieren.
„Gewerkschaften ohne Vollbeschäftigung“ – so lautet der Titel einer Publikation von Peter Bleses, am vergangenen Donnerstag zu Gast bei der fünften Veranstaltung der Reihe „Phantomschmerz Vollbeschäftigung“ von powiplus. Die Gewerkschaften, so Bleses in seinem Vortrag, litten derzeit unter einem Bedeutungsrückgang, sie befänden sich in der Krise. Selbst bei den Arbeitnehmern fänden sie immer weniger Zuspruch, erklärte der der Soziologe, der einen beachtlichen Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften konstatiert. Einen Versuch, aus der Rolle des Blockierers notwendi-ger Reformen herauszukommen sieht Bleses in der damaligen Haltung der Gewerkschaften zu dem „Bündnis für Arbeit“ in den neunziger Jahren, das sie propagierten. Kurzfristig gelang es ihnen, den „schwarzen Peter“ an die Unternehmen und die christlich-liberale Regierung weiterzugeben, erstmals standen sie wieder als Modernisierer da. Ein langfristiger Image-Wandel gelang den Gewerkschaften jedoch nicht, wie die gegenwärtige Situation zeigt.

Bleses, der in diesem Wintersemester Gastdozent am Institut für Soziologie der Uni-versität Leipzig ist, gab im Folgenden einen kurzen Abriss über die Geschichte des Bündnisses für Arbeit, dessen Vorbild die „Konzertierte Aktion“ in den sechziger und siebziger Jahren war. Das Ziel dieser tripartistischen Veranstaltung, die Mitte der neunziger Jahre von dem damaligen IG-Metall-Chef Klaus Zwickel initiiert worden war, war die Senkung der Arbeitslosigkeit. Bald nachdem das Bündnis von dem neu-en Kanzler Gerhard Schröder zur „Chefsache“ erklärt worden war, wurde der Ruf nach Bündnissen auf untergeordneter – betrieblicher – Ebene laut. Durch solche betrieblichen Bündnisse für Arbeit und deren Konsequenzen für die Tarifautonomie sei die Situation für die Gewerkschaften gefährlich geworden, erklärte Bleses, dessen wissenschaftliches Interesse insbesondere der Soziologie der Sozialpolitik und der Arbeitsbeziehungen gilt. Der Tarifautonomie, die neben der betrieblichen Mitbestimmung ein Spezifikum der industriellen Beziehungen in Deutschland darstellt, drohe durch die „Verbetrieblichung“ der Arbeitsbeziehungen ein Bedeutungsverlust. Bleses sprach in diesem Zusammenhang von zwei Arten der Erosion des Tarifsystems: erstens der „inneren“ Erosion, die er in der abnehmenden Bindungskraft der Flächentariferträge erkennt, und zweitens der „äußeren Erosion“, die sich an der abnehmenden Tarifdeckung zeige.

In Anbetracht der Krise des deutschen Modells der industriellen Beziehungen warnte Bleses vor dem Verlust der von diesem Modell bisher erfüllten Grundfunktionen. Gestaltungsalternativen müssten diese Funktionen unbedingt mit einbeziehen. Dazu zählten auf der einen Seite eine Entlastungs- und Legitimationsfunktion für den Staat, eine Schutzfunktion für die Beschäftigten, eine demokratische Partizipations-funktion sowie eine gesellschaftliche Solidaritätsfunktion. Auf der anderen Seite seien wichtige Funktionen des deutschen Modells der industriellen Beziehungen für die Arbeitgeber etwa die Erhaltung des sozialen Friedens in den Unternehmen, die Ausschaltung der Preiskonkurrenz um die Ware Arbeitskraft zwischen den tariflich gebundenen Arbeitgebern und der Schutz vor zu weitgehender Ausbeutung der Arbeitnehmer zum Schaden des Unternehmens. Insgesamt, resümierte Bleses, seien große Fragezeichen hinter die Idee der Entmachtung der Gewerkschaften und die Aus-höhlung der Tarifautonomie zu setzen.

In der anschließenden Diskussion mit zahlreichen interessierten Zuhörern ging es vor allem um die sich zunehmend in der Defensive befindlichen Gewerkschaften. Fragen aus dem Publikum lauteten etwa: „Wird die Krise des deutschen Systems der industriellen Beziehungen möglicherweise nur herbeigeredet, um das Verhältnis zuguns-ten der Arbeitgeber zu verändern?“ „Wird in den Medien ein Meinungsklima gegen die Gewerkschaften geschaffen?“ Bleses entgegnete darauf, dass nicht alle Arbeit-geber ein Interesse an der Aushöhlung der Tarifautonomie hätten, und er wies auf die Funktionen hin, die das deutsche Modell der industriellen Beziehungen für die Arbeitgeber erfüllt. Für sie selbst hätte die Abschaffung der kollektiven Arbeitnehmer-vertretung negative Konsequenzen. Was die zweite Frage angeht, so finden in den Medien laut Bleses Deutungskämpfe um die Rolle der Arbeitgebervertreter und der Gewerkschaften statt. Bei der Frage, inwiefern diese jeweils in der Lage sind, Probleme zu lösen bzw. Problemlösungen blockieren, gebe es kein Richtig oder Falsch. Diese Deutungskämpfe fielen in letzter Zeit allerdings alles andere als positiv für die Gewerkschaften aus, räumte Bleses ein. Andererseits, so der Soziologe, seien diese daran auch nicht ganz unschuldig: „Das Blockierer-Image der Gewerkschaften kommt nicht von ungefähr.“

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