„Ein Zitronenfalter faltet keine Zitronen“

Vier Absolventen der Uni-Leipzig standen powiplus Rede und Antwort zu ihrem Studium der Politikwissenschaft, ihrem jetzigen Arbeitsplatz und ihrem Weg dorthin.
Sie gaben Auskunft darüber, ob ihnen das Wissen aus ihrem Studium heute etwas nutzt, was Politikwissenschaftler können müssen und was sie von Politikern unterscheidet.
Die Absolventen:

Andreas Lange

Alter: 31 Jahre
Semesterzahl: 14
Studiengang: Diplom-Politikwissenschaft
Studienschwerpunkt: Internationale Beziehungen, Entwicklungspolitik
Titel der Diplomarbeit: „Regional Divergence and Regional Uneven Development in the Global Economy. The Example of the EU and Central European Candidate Countries“
Beruf: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Sozialwissenschaften der HU Berlin
Hauptaufgaben: Lehre im Bereich Entwicklungspolitik; Promotion zum Thema Regionalpolitik auf den Philippinen

Klaus Wurpts

Alter: 28 Jahre
Anzahl Hochschulsemester: 12
Studiengang: Magister-Hauptfach Politikwissenschaft
(Nebenfächer: Journalistik,
Frankreichstudien)
Studienschwerpunkt: Europäische Integration, v. a. Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
Titel der Magisterarbeit: „Die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Kontext der transatlantischen Beziehungen“
Beruf: Geschäftsführer Regionenmarketing Mitteldeutschland GmbH
Hauptaufgaben: Projektmanagement; Betriebsführung; Netzwerkmanagement; Marketingmanagement

Maren Lange

Alter: 28 Jahre
Anzahl Hochschulsemester: 9
Studiengang: Politikwissenschaft, Magister-Hauptfach
(Nebenfächer: Journalistik,
Philosophie)
Studienschwerpunkt: Europapolitik
Titel der Magisterarbeit: „Die theoretischen Grundlagen des Europäischen Konvents“
Beruf: Wissenschaftliche Referentin/Büroleitung Grünes Europabüro Sachsen Anhalt
Hauptaufgaben: Wahlkreisarbeit; Kommunikation zu Partei, Verbänden und Bürgern; Öffentlichkeitsarbeit (Veranstaltungen, Publikationen,Website, Newsletter); inhaltliche Zuarbeit zu variierenden europapolitischen Themen

Oliver Pape

Alter: 31 Jahre
Anzahl Hochschulsemester: 13
Studiengang: Diplom-Politikwissenschaft
Schwerpunkt: politische Systeme
Titel der Diplomarbeit: „Clinton und die Kampa – Amerikanisierung von Wahlkämpfen in Deutschland“
Beruf: Mitarbeiter der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag
Hauptaufgaben: Reden schreiben; politische Koordination mit der CDU; inhaltliche Zuarbeit für Abgeordnete

powiplus: Was hat dich dazu bewogen PoWi zu studieren?

Andreas Lange: Das war eine reine Interessenentscheidung.

Klaus Wurpts: Ich wollte wissen, wie die Macht in diesem Land und in der Welt organisiert ist.

Maren Lange: Ich wollte ursprünglich Journalistin werden, und während eines Praktikums bei einer Zeitung hat man mir gesagt: „Um Journalistin zu werden musst du ‚irgendetwas’ studieren – und viel nebenbei machen.“ Aus „irgendetwas“ ist dann Politikwissenschaft geworden.

Oliver Pape: Ich habe mich schon immer für Politik interessiert und habe dann sozusagen mein Hobby zum Beruf gemacht.

powiplus: Hattest du von Anfang an ein klares Berufsziel vor Augen und hast konsequent darauf hingearbeitet?

Andreas Lange: Nein, ich hatte ursprünglich überhaupt kein Berufsziel. Etwa ab der Mitte meines Studiums hatte ich dann eine relativ klare Promotionsperspektive, die sich mir durch einen Job als Projekt-HiWi und das Angebot eines Professors eröffnet hat.

Klaus Wurpts: Ja, ich wollte ursprünglich Journalist werden. Ab dem Hauptstudium hat sich das geändert und ich habe über eine Promotion nachgedacht. Dann kam kurzfristig das Jobangebot als Projektleiter beim Regionenmarketing, das ich auch angenommen habe. Mittlerweile bin ich dort Geschäftsführer.

Maren Lange: Ja, ich wollte auf jeden Fall Journalistin werden und unbedingt beim Radio arbeiten. Dieses Ziel habe ich konsequent verfolgt. Als ich mein Ziel dann erreicht hatte, war der Reiz irgendwie weg und ich habe mich dafür entschieden etwas anderes zu machen.

Oliver Pape: Nein. Erst ab dem Hauptstudium wusste ich dass ich irgendwie bei der SPD arbeiten möchte.

powiplus: Nutzt dir das Wissen aus deinem Studium etwas für deine jetzige Arbeit?

Andreas Lange: Ja, das ist offensichtlich.

Klaus Wurpts: Ja, auf jeden Fall.

Maren Lange: Ich habe während meines Studiums vieles gelernt, was mir heute nützt. Allerdings sind dies weniger die Inhalte der Vorlesungen und Seminare. Ich würde einen größeren Praxisbezug des Studiums befürworten, ähnlich wie ich es in den USA erlebt habe. Dort gibt es zum Beispiel Seminare mit dem Titel „Political Campaining“ oder „Non-profit Management“.

Oliver Pape: Ja.

powiplus: Was hast du neben deinem Studium dafür getan, dir ein „Profil“ zu erarbeiten?

Andreas Lange: Ich habe verschiedene Praktika gemacht, etwa bei der Weltbank in Washington und bei der OECD in Paris, wo ich zu der Zeit auch am ‚Institut des Etudes Politiques (IEP)’ studiert habe. Ich war wissenschaftliche Hilfskraft und habe zusätzlich auf Honorarbasis wissenschaftlich gearbeitet. Dabei handelte es sich einmal um ein Buchprojekt in Potsdam zum Thema Klimaforschung, ein anderes Mal um ein Forschungsprojekt in Jena, für das ich in Schottland und München Interviews geführt habe.

Klaus Wurpts: Ich habe zuerst im Journalismus-, dann im Politik-Bereich Praktika absolviert: bei verschiedenen Zeitungen und bei der ‚Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik’ (DGAP) in Berlin. Ich habe für die Fachzeitschrift „Dokumente“ (Zeitschrift für deutsch-französischen Dialog) geschrieben und war Redakteur beim „Kreuzer“, dem Leipziger Stadtmagazin. Ich war wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Politikwissenschaft der Uni Leipzig, habe Französisch-Kurse besucht, am ‚Institut des Etudes Politiques (IEP)’ in Paris studiert und am Frankreichzentrum Tutorien gegeben.

Maren Lange: Ich habe nebenbei viel journalistisch gearbeitet, etwa bei Radio Mephisto und bei Hitradio FFH. Ich habe Praktika in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages, im Institut für Marktforschung in Leipzig sowie in einer Werbeagentur gemacht. Ich habe im Bereich Promotion gearbeitet und mich außer bei der Grünen Jugend auch im Fachschaftsrat Politikwissenschaft und im StudentInnenrat der Uni Leipzig engagiert. Auslandserfahrung habe ich als Studentin in Ohio in den USA sowie während eines Erasmus-Jahres in Gent gesammelt.

Oliver Pape: Ich habe Praktika bei der Bundestagsfraktion der SPD gemacht und für einen Abgeordneten gearbeitet. An der Uni war ich im Fachschaftsrat und im StudentInnenrat aktiv. Außerdem habe ich dort die Juso-Hochschulgruppe mitgegründet. Weitere Erfahrungen habe ich im Ausland gesammelt: Ich war in Madrid und in Katmandu in Nepal.

powiplus: Wie hast du den Einstieg in das Berufsleben geschafft?

Andreas Lange: Meine jetzige Stelle war in der „Zeit“ ausgeschrieben, und ich habe mich einfach darauf beworben.

Klaus Wurpts: Durch Kontakte.

Maren Lange: Ich hatte keine persönlichen Beziehungen, die mir in dieser Hinsicht hätten weiterhelfen können. Ich habe mich einfach auf viele Stellen beworben.

Oliver Pape: Mit Hilfe von Glück und Zufall.

powiplus: Was müssen Politikwissenschaftler können, um auf dem Arbeitsmarkt gefragt zu sein?

Andreas Lange: Sie müssen all das können, was sie in ihrem Studium gelernt haben. Sie müssen selbständig und strukturiert komplexe Themenzusammenhänge erfassen, aufarbeiten und präsentieren können und in der Lage sein fachübergreifend zu arbeiten.

Klaus Wurpts: Sie müssen klare Ziele haben, selbstbewusst auftreten und flexibel sein.

Maren Lange: Sie müssen Ausdauer, starke Nerven und Teamgeist haben.

Oliver Pape: Sie müssen schnell denken können, über Abstraktionsvermögen verfügen und Zusammenhänge gut erkennen können.

powiplus: Die Begriffe „Politik“ und „Politikwissenschaft“ werden von vielen oft in den gleichen Topf geworfen. Was ist der Unterschied zwischen einem Politiker und einem Politikwissenschaftler?

Andreas Lange: Wenn mich als Politikwissenschaftler jemand gefragt hat, ob ich mit meinem Studium nun Politiker werde, habe ich immer geantwortet: Der Zitronenfalter faltet ja auch keine Zitronen. Politikwissenschaft ist nicht Politik. Politik in der Praxis hat mit der theoretischen Analyse von Politik – und genau das ist Politikwissenschaft – nichts zu tun.

Klaus Wurpts: Der Politiker versucht Interessen durchzusetzen, im Idealfall dem Wohle der Gesellschaft zu dienen. Der Politikwissenschaftler versucht zu analysieren, warum der Politiker wie handelt und Empfehlungen für alternative Handlungen zu geben.

Maren Lange: Der Politiker verdient sein Geld indem er Politik macht. Der Politikwissenschaftler verdient sein Geld, indem er das Handeln des Politikers analysiert. Beide brauchen einander, denn der Politikwissenschaftler wäre ohne den Politiker arbeitslos, und der Politiker wiederum hätte ohne den Politikwissenschaftler keine Möglichkeit seine Arbeit zu reflektieren.

Oliver Pape: Politik hat mit Politikwissenschaft nichts zu tun. Der Politikwissenschaftler braucht den Politiker für seine Arbeit. Der Politiker hingegen braucht den Politikwissenschaftler überhaupt nicht.

powiplus: Warst/bist du selbst politisch aktiv? Warum (nicht?)

Andreas Lange: Ich bin kein Parteimitglied. Praktische Politik hat mich nie interessiert. Ich möchte aktives politisches Engagement für die Zukunft nicht ausschließen, aber ich interessiere mich mehr für die theoretischen Zusammenhänge, für Politikberatung eher als für Politikdurchsetzung.

Klaus Wurpts: Nein, nicht außerhalb von meinem Beruf – dieser hat auf jeden Fall eine gewisse politische Dimension. Das würde sich mit meinem Job sehr schlecht vertragen.

Maren Lange: Jeder Mensch ist politisch aktiv. Auch ein Nicht-Handeln in der Politik ist ein politisches Handeln.

Oliver Pape: Nur im Rahmen meiner Arbeit. Früher war ich aktiver Juso. Heute bin ich zwar SPD-Mitglied, begleite jedoch bewusst kein Parteiamt. Die Zeit, die ich im Rahmen meiner Arbeit für die Partei aufwende, genügt mir. Meine Freizeit möchte ich mir für andere Dinge vorbehalten.

Das Interview führte Ulrike Spohn am 08. 12. 2005

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