Endlich Ordnung in der Werkzeugkiste – Zum Potenzial der Foucaultschen Diskursanalyse

Das Interesse an Foucault scheint ungebrochen, das Wuchern der Diskurse zu und über sein Werk ist jedenfalls kaum noch zu ignorieren. Ob die allmähliche Drift einer Theorie von der Peripherie ins Zentrum akademischer Debatten zu deren Verbreitung oder Verwässerung beiträgt, lässt sich freilich erst aus größerer Distanz beurteilen. Axel Honneth zumindest hat es bekanntlich begrüßt, dass Foucault in der hiesigen Rezeption nicht im so genannten Mainstream wuchs, sondern im „Untergrund einer Vielzahl informeller Lesezirkel, autonomer Tutorien und randständiger Publikationen“.
Damit scheint es vorerst allerdings vorbei zu sein. Anlass für das im folgenden näher zu beleuchtende zweitägige Räsonieren über Foucault war nach Aussagen der Organisator/innen ein beunruhigender asymmetrischer Kenntnisstand in politiktheoretischen, soziologischen und linguistischen Seminaren. Dieser führte wohl nicht selten zu uferlos redundanten Interpretationsdebatten, was oft als lähmend wahrgenommen wurde.

Ein interdisziplinärer Workshop sollte daher erstmals über Orientierungspunkte, grundlegende Theoreme und mögliche Anwendungen aufklären und dabei zugleich auf methodische Grenzen hinweisen. Organisiert vom Otto-Suhr-Institut, lokalisiert im „deutschen Oxford“, dem Harnack-Haus in Berlin-Dahlem und alimentiert von der Hans-Böckler-Stiftung, wird es wohl kaum überraschen, dass dazu ein ebenso beachtliches wie heterogenes Publikum von mehr als hundert Köpfen zusammenfand.

Zum Inhaltlichen: In insgesamt neun Vorträgen wurde die berühmte Foucaultsche Werkzeugkiste geöffnet und ausgiebig diskutiert. Von Anfang an war dabei auffällig, dass der thematische Zugriff weit über Foucault hinauswies. Diskutiert wurde nicht entlang der ungeheuren Bandbreite des Foucaultschen Werkes, auch nicht über die Tragfähigkeit seiner geschichtsphilosophischen Grundintentionen (so eine solche Formulierung überhaupt Sinn macht) – vornehmlich wurden in bester Workshop-Tradition ausgewählte Anwendungen mit denkbaren Alternativen kontrastiert.

Die vier Ansätze des ersten Tages, unterteilt in zwei größere Arbeitsbereiche, beschäftigten sich mit dem vielfältigen Instrumentarium „der“ Diskursanalyse, wobei diese Interpretationsmethodik keineswegs allein auf Foucaults Ansatz reduziert wurde.

Multiperspektivischer Methodenpluralismus

Nach Begrüßung und allerlei Dankesworten eröffnete der Linguist Martin Reisigl seinen Vortrag, den ersten Beitrag des Panels „Wissen, Identität und Politik“, mit der überraschenden Feststellung, er werde kaum von Foucault zu reden haben, sondern vielmehr die analytischen Vorzüge des Wiener Ansatzes der Diskursanalyse vorstellen, der maßgeblich auf Ruth Wodak zurückzuführen ist. Darin wird mit einem emanzipatorischen Selbstverständnis, das sehr an Bourdieusche Analysen erinnert, nach den sozialen und politischen Funktionen öffentlicher Diskurse gefragt. Diese sollen unter Anwendung eines „multiperspektivischen Methodenpluralismus“ freigelegt werden.

Reisigl machte wiederholt darauf aufmerksam, dass es diesem Ansatz insbesondere um systematische Konsistenz gehe, womit implizit deutlich wurde, dass der Mangel einer solchen für ihn die Hauptkritik an Foucault darstellt. In einer aufwändigen, allerdings auch recht ermüdenden Textexegese von Passagen aus der „Archäologie des Wissens“, die auch auf Übersetzungsprobleme vom Französischen ins Deutsche aufmerksam machte, versuchte er nachzuweisen, dass im von Foucault mitinitiierten „discursive imperialism“ ein äußerst heterogener Gebrauch des Begriffs „Diskurs“ zu verzeichnen sei.

Konsequenterweise warnte er abschließend vor dessen inflationärer Kopplung mit allerlei Objektbereichen, erinnerte bekennend „altmodisch“ an den wissenschaftlichen Anspruch methodischer Stringenz und formulierte eine ansehnliche Reihe letztlich tagungsprägender Fragen, von denen hier nur zwei wiedergegeben werden sollen:

Inwiefern taugt Foucault für die Gegenwartsanalyse oder ist er lediglich für genealogische Studien relevant?

Kann Foucaults Diskursverständnis auch intentional-manipulative Denk-, Rede- und daraus resultierende Handlungsweisen berücksichtigen und damit diskursprägende Akteure identifizieren oder sensibilisiere es lediglich gegenüber evolutionär-performativen Dynamiken des kulturell Unbewussten?

„Interpretative Analytik“

Der Soziologe Rainer Diaz-Bone aus Berlin, verantwortlich für den zweiten Vortrag im Wissenspanel, versuchte eine „Methodologisierung der Foucaultschen Diskursanalyse“. Dabei gelang ihm eine instruktive Abwägung der Vor- und Nachteile Foucaultscher Methodik. In direkter Erwiderung auf Reisigl schien er sich weniger an der „Unabgeschlossenheit, Unvollständigkeit und Unendgültigkeit“ des Foucaultschen Theoriegebäudes zu stören, sondern betonte dessen Potenzial für forschungspraktische Kontingenzen.
So verwies er darauf, dass in seinen Arbeiten Foucault und Bourdieu als einander ergänzende Perspektiven auf zu analysierende Phänomene des Sozialen zur Anwendung kämen. Während es mit Bourdieu gelänge, praktisch-empirische Ansatzpunkte gegenüber Eigenarten sozialer Milieus und deren Handlungsweisen zu gewinnen, überzeuge Foucault mit seinem Hinweis auf die letztlich mentalitätsprägende Wirkung von Diskursformationen, die auf den ersten Blick heterogen erschienen.

Im Anschluss an Dreyfuß/Rabinow schlug er vor, Foucaults Methode als „interpretative Analytik“ anzuwenden, in der Texte „als Materialisierung diskursiver Praktiken“ die Grundlage von Studien bilden könnten, die eine „erklärende Systematisierung und Vernetzung kultureller Praktiken“ gestatteten. In einem solchen Verständnis scheint implizit die einflussreiche Theoretisierung des Verhältnisses von Bourdieu und Foucault aus der Feder Markus Schwingels durch, der beide in der deutschsprachigen Rezeption als einer der ersten (1993) als einander ergänzende „Analytiker sozialer Kämpfe“ verstanden wissen wollte. Diese Rezeptionslinie ist in der soziologisch inspirierten Theoriebildung inzwischen recht fest verankert – für politikwissenschaftliche Studien sicherlich mehr als eine Anregung.

Recht pragmatisch gab er sich abschließend überzeugt, dass sich die „kontingente Konstruiertheit diskursiver Formationen“ nur dann empirisch nachweisen lasse, wenn ein diskurstheoretischer Ansatz „gebaut“ werde, der sich nicht vorm eklektischen Griff in die zuweilen chaotisch anmutende Werkzeugkiste Foucaults fürchte.

Von der Äußerung zur Aussage

Nach einer kurzen Kaffeepause eröffnete Petra Gehring von der TU Darmstadt die zweite Diskussionsrunde, etwas sybillinisch als „Politik der Moleküle“ bezeichnet, mit explorativen Reflexionen zur Frage, ob und warum Bioethik nach Foucault als Diskurs zu begreifen sei. Um dafür eine Art Antwort geben zu können, legte sie großen Wert auf die methodische Unterscheidung zwischen Äußerung und Aussage. Während sie erstere mit Foucault als beliebige verbale Denomination definierte, wollte sie letztere als integralen Bestandteil eines bereits etablierten Diskurses verstanden wissen. Welch forschungsrelevante Bedeutung einer derartig kleinteiligen Unterscheidung beikommen könnte, blieb allerdings unklar.

Um einiges erhellender war Gehrings Einführung in die vielfältigen Verästelungen der Foucaultschen Biomacht. Von dort war es dann nur noch ein kurzer Weg zu den seit den siebziger Jahren massiv wuchernden Diskursen der so genannten Biowissenschaften, deren gesellschaftliche Problematisierung wiederum eine veritable Expertokratie von Bio-Ethikern hervorzubringen vermochte. Diesen käme in der neu geschaffenen und sich beständig weiter ausdifferenzierenden „Theoretisierung aller Lebenssubstanzen“ eine spezifische Aussagenmacht zu, die gleichzeitig die diskursive Trennlinie zu den Betroffenen bildete. Während erstere die Macht zur Analyse, Rekonstruktion und Bilanzierung besäßen, könnten letztere nun nur noch mit subjektiven Meinungen thematisch werden.

Spannend war, dass sie auf die kritische Nachfrage, ob die von ihr als Diskurs bezeichneten Bioethik-Kontroversen nun als abgeschlossen oder virulent zu betrachten seien, eine gespaltene Antwort gab. Sicherlich seien einige Aspekte nach wie vor wirkmächtig, der genealogisch besonders relevante Ausgangspunkt dieser Diskurse sei jedoch inzwischen weitgehend erkaltet, womit sie für eine hauptsächlich retrospektive Anwendung der Diskursanalyse eintrat.

Bioethische Debatten im Bundestag

Diesem Plädoyer schloss sich Sonja Palfner (Doktorandin an der Berliner Humboldt-Uni) bei der Vorstellung ihrer politikwissenschaftlichen Abschlussarbeit ausdrücklich an. Grundlage dieser Studie bildeten bioethische Diskurse im Deutschen Bundestag der achtziger Jahre. Ähnlich wie Gehring betrachtete sie diesen Zeitraum als eminent strukturgebend für Thematiken der Bioethik und stellte daher die Foucaultsche Kategorie der Aussage ins Zentrum der Analyse. Praktisch unterstellte sie dabei allerdings nichts anderes als eine ziemlich triviale Kausalbeziehung: dass sich nämlich modifizierte bzw. modifizierende Wissensbestände anhand veränderter bzw. sich sukzessive verändernder Aussagen nachweisen lassen müssten, eine Hypothese die sich denn auch tatsächlich bestätigte. Dabei konnte sie allerdings ebenfalls deutlich machen, dass die Mehrzahl der Politiker/innen dem eskamotierenden Charakter der verwendeten Sprache mehr als naiv gegenüber standen und diesen Effekt sogar noch verstärkten, da sie sich wechselseitig mit rhetorischen Neuschöpungen zu überbieten suchten.

Geschlecht und Identität

Die fünf Vorträge des zweiten Tages wurden mit zwei Beiträgen von Barbara Drinck und Claudia Bruns zum Themenfeld „Politik der Identitäten und Geschlechter“ eröffnet. In ihnen wurde die bereits angesprochene Kontroverse, ob nämlich Foucault eher als Historiker oder aber als Gegenwartsanalytiker zu begreifen sei, themenspezifisch weitergeführt.

Neue Väter, alter Trott?

Drinck ließ einen tiefen und durchaus ansteckenden Einblick in ihre aktuelle Forschungswerkstatt zu, in der sie sich mit der Relevanz wissenschaftlicher Diskurse zu sogenannten „neuen Vätern“ beschäftigt. Forschungsleitend ist dabei die Frage, wie die mittels empirischer Interviewanalysen festgestellte Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen und populären Diskursen zu erklären sei und inwiefern Interviewmethoden überhaupt für diskursanalytische Studien zu gebrauchen seien.

Die Ergebnisse einer ersten Feldstudie, die demnächst ausgeweitet werden soll, erbrachten jedenfalls keine Übereinstimmung zwischen hegemonialen Wissenschaftsdiskursen über und dem diskursiven Selbstverständnis der interviewten Väter. Mit ziemlicher Sicherheit ließ sich daraus bisher lediglich schlussfolgern, dass die meisten der neuen Väter ihr Leitbild nicht aus wissenschaftlichen Abhandlungen beziehen und dass sich abstrahierende Wissenschaft ziemlich weit von der diskursiven Praxis entfernt hat.

Offen blieb, ob und unter welchen Umständen männliche Eltern traditionell/klassische, also von ihren eigenen Vätern übernommene, Leitbilder reproduzierten und wann und aus welchen Quellen sie ihre Vaterrollen performativ neu konstruierten. Alles in allem stellte sich heraus, dass sich die Mehrheit der interviewten zeitgenössischen Väter selbstreflexiv von älteren patriarchialen Verhaltensmustern distanzieren will und komplementäre bzw. gleichwertige Rollen gegenüber den Müttern ihrer Kinder anstrebten.

Einschränkend musste Drinck jedoch auch darauf hinweisen, dass es sich bei den interviewten Vätern größtenteils um eine intellektuelle Mittelschichtsklientel handelte, da die Interviewpartner von Studierenden beigebracht wurden, die, so sie nicht selbst geeignet waren, auf der Suche nach männlichen Eltern zuerst in ihren Bekanntenkreis ausgeschwärmt waren.

Diskursanalyse mit Interviews

Deutlich wurden allerdings auch die Grenzen der Interviewmethode. Da man mit Foucault davon ausgehen muss, dass voraussetzungsloses Verhalten schlichtweg undenkbar ist, musste die Frage nach dem Ort handlungsprägender Leitbilder zunächst offen bleiben. Dies trifft auch auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Interviewten zu (stellenweise reklamierte ein Drittel der Gesprächspartner ein „Recht auf Nichtwissen, Nonkonformität und Zwecklosigkeit“, was darauf schließen ließe, dass die nächste Generation einen großen Anteil bekennender Anarchist/-innen aufweisen wird – eine Extrapolation auf deren Einlösung nicht nur ich schon ziemlich gespannt sein dürfte).

Diese und eine Reihe anderer fruchtbarer Fragen (bspw.: Wie ist unter der gegebenen Perspektive mit der wachsenden Zahl weitgehend vaterlos aufgewachsener Väter umzugehen? Woher beziehen diese ihre handlungsregulativen Muster? Wie kann man den Einfluss trivialer Ratgeberliteratur bestimmen?), ergaben sich aus der äußerst lebhaften Diskussion, die dem Wunsch Drincks nach einem reziproken Ideentausch wohl mehr als entgegenkam.

Gouvernementalität als dreiseitige methodische Weiterentwicklung?

Claudia Bruns aus Trier vertrat in diesem Panel den historischen Gegenpart. Ihre Analyse bezog sich aus größerer Distanz auf spezifische Männerdiskurse bündischer Bewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei betonte sie, dass in derartigen Diskursen die Grundlagen für diskursive Formationen über maskuline Stärke, bedingungslose Politik und männlich geprägte Identitäten (subjektive und nationale) gelegt wurden.

In diesem Zusammenhang wurde Gouvernementalität das erste Mal zum Tagungsthema. Bruns rekonstruierte diese Metapher nicht nur als methodische Weiterentwicklung Foucaults, sondern auch als mindestens dreiseitige Scharnierstelle von Diskursen, Handlungen und Subjektpraktiken. Ihre Arbeit über Männerbunddiskurse sah sie zudem als eine mögliche Operationalisierung der von Achim Landwehr geforderten Kulturgeschichte des Politischen, da es ihr so nicht nur möglich war, Wissens- und Machteffekte mit Praktiken der Subjektkonstitution in Verbindung zu bringen (wenn man denn so will: „top-down“), sondern dies zudem über die Analyse von subjektiven Diskursen (Briefe, Tagebücher) bestätigt werden konnte („bottom up“).

Diskursive Policy-Analyse

„Politik der Sicherheiten“, das letzte Panel des Workshops am samstäglichen Nachmittag, wurde von Julia Lepperhoff vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg mit der Präsentation einer vergleichenden Studie zu Sozialstaatsdiskursen in Frankreich und Deutschland eröffnet. Diese entpuppte sich jedoch als vergleichende Policy-Analyse bekannten Zuschnitts und konzentrierte sich vornehmlich auf „Oberflächenphänomene“ wie Ziele, Instrumente und die legitimierende Symbolik politischer Programme.

Der Feind an den Grenzen des Rechtsstaats

Susanne Krasmann aus Hamburg bot mit ihrer auch schon in Leipzig präsentierten, hier jedoch bereits weiter ausgearbeiteten Kritik an der Feindstrafrechts-Konzeption des Juristen Rainer Jacobs das zweite Beispiel für Sicherheits-Analysen. Krasmann scheint sich zunehmend auf die konsequente Dekonstruktion diverser theoretischer Konzeptionen qua Programmanalyse zu spezialisieren. Nachdem sie die Tragfähigkeit dieses Vorgehens zunächst am ebenfalls programmatischen, jedoch noch explizit mit Subjektdisziplinierungsstrategien arbeitenden „Anti-Aggressivitäts-Training“ des Kriminologen und Erziehungswissenschaftlers Jens Weidner testete (nachzulesen im inzwischen legendären stw 1490: „Gouvernementalität der Gegenwart“), zieht sie in der Dekonstruktion des Feindstrafrechts à la Jacobs die analytische Linse auf und fragt, welche Konsequenzen sich aus der darin neu eingeführten großflächigen Unterscheidung von Tätergruppen ergeben.

Es gelang ihr herauszuarbeiten, dass sich in der Konzeption von Jacobs ein Paradigmenwechsel vom liberalen Verständnis subjektiver Täter und daraus abgeleiteter Verantwortlichkeiten zum regulierenden Sicherheitsmanagement teilweise nur noch statistisch bestimmbarer (potentieller) Tätergruppen (Wiederholungstäter/innen, Terrorist/innen) abzeichnet. Als Täterkollektive würden diese zur sozialen Außenseite der bürgerrechtlichen Gemeinschaft und verlören jeglichen Anspruch auf liberale Grundrechte, als Feinde jenseits der Grenzen des Rechtsstaats könnten sie nach Belieben verfolgt oder weggesperrt, umerzogen oder teilrehabilitiert werden, was Krasmann als typisches Merkmal neoliberaler Regierungstechnologie begreift.

Foucault – warum nicht?

Den vorläufigen Abschluss bildete eine amüsante intellektuelle Wegbeschreibung von Angelika Magiros aus Marburg, in der sie ihre eigene zirkuläre Theorie-Praxis-Bewegung von und mit Foucault thematisierte. Anfangs begeistert vom Foucaultschen Potenzial führte sie Foucaults „Blindheit“ gegenüber Machteffekten der sozialen Topologie zurück zur Kultur- und Gesellschaftskritik der frühen Kritischen Theorie, bevor sie auf ihrer Suche nach alternativem Theoriematerial erneut, nun freilich aus größerer Distanz und mit weitaus geringeren Heilserwartungen, den Foucaultschen Werkzeugkasten ansteuerte.

In diesem fand sie dann doch eine Reihe geeigneter Ansätze, um die oft verwirrende Melange aus Wissens-, Subjekt- und Wahrheitseffekten als Technologien der Macht analytisch entwirren zu können. Gleichzeitig warf sie die vor allem politikwissenschaftlich inspirierende Forschungsfrage auf, wie eine Machtanalyse der Technologien (von ihr als „Anrufungen der Subjekte“ verstanden) mit der verwirrenden Vielfalt konkurrierender Programme umzugehen habe. Damit hob sie auf die Realitätsmächtigkeit der von Foucault diagnostizierten Regulierungsweisen ab, insbesondere auf die Frage, ob und wie es möglich sei, das Hegemonialwerden verschiedenster Regulierungspraxen bei empirischen Subjekten nachzuweisen. Abschließend warnte sie davor, unter Rückgriff auf Foucault einen neuen „Imperativ der Essenzsuche“ aufzurichten, sondern plädierte vielmehr dafür, widerspenstige Kontingenzen ironisch distanziert anzuerkennen.

Schluss und …

Das Schlusswort oblag dem längst emeritierten Wolf-Dieter Narr, der es sich nicht nehmen ließ, in eine episodenhaft angelegte Tour d’Horizon durch über zwei Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte aufzubrechen und Foucault unter Rückgriff auf allerlei Querbezüge in ein Ensemble theoretischer Stichwortgeber einzuordnen versuchte (von Plato bis Descartes, von Nietzsche bis Derrida, usw.).

Schade war, dass dabei angesichts allgemeiner Erschöpfung die einerseits rigide, andererseits aber auch wohltuend komplexitätsreduzierende Stringenz des Tagungsablaufs schlichtweg gesprengt und von ausufernden und nur schwer verständlichen Ausflügen in die unendlichen Weiten des „Namedropping“ und „Themehopping“ abgelöst wurde.

Andererseits kann man sich keinen sinnfälligeren Schluss eines Foucault-Workshops zu wissenschaftlichen Methoden vorstellen: die ohnehin fragil aufgerichtete Ordnung der Werkzeugkiste mit einem Handstreich ad absurdum geführt, der Versuch, Foucault in eine Konstruktion von Identitäten einzuschließen kurz vorm Ende hoffnungslos zersplittert. Fast schien es, als ob sich die auch von Foucault geteilte Einsicht eines seiner wirkmächtigsten Inspiratoren erneut bestätigte: die Welt – oder das was wir von ihr halten – lässt sich zwar verschieden interpretieren, vor allem aber kömmt es darauf an, sie zu verändern.

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