Im Niemandsland zwischen Krieg und Frieden

Im Distrikt Ituri im Ostkongo ist nichts, wie es scheint, aller Grenzen verschwimmen – zwischen Staaten, zwischen Feind und Freund, zwischen Krieg und Frieden. Das Gebiet hat immense Reichtümer, doch die Menschen besitzen oft nich mehr, als sie am Leib tragen. Auch die Medien unterscheiden oft nicht zwischen Wahrheit und blutigem Aufhetzen.
Der Himmel über Ituri ist klar und wolkenlos, die Temperaturen liegen bei knapp 30 Grad. Die Sonne scheint über zerklüftete Berghänge, in den Tälern dichter Busch, Vogelstimmen überall. Die Idylle täuscht, sie ist tödlich. In der Ferne rattert ein Maschinengewehr. Die Vögel sind stumm.
In Ituri ist nichts, wie es scheint, alle Grenzen verschwimmen – zwischen Staaten, zwischen Freund und Feind, zwischen Krieg und Frieden.

Domino in Afrika

Der heutige Konflikt hat seine Wurzeln im Jahr 1994. Nach dem Genozid der Hutu an den Tutsi in Ruanda fliehen Tausende über die Grenze in die östlichen Gebiete des Kongo. Hutu wie Tutsi, Täter wie Opfer strömen ins Land. Die ruandische Armee folgt ihnen, sie sucht die Täter. Chaos bricht aus. Wenn der Osten des Kongo jemals regierbar war, dann ist er es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Mit der Unterstützung der Nachbarstaaten Ruanda und Uganda beginnt der Rebellenführer Laurent Desiré Kabila seinen Marsch durch das Land, dessen Territorium die Größe Westeuropas hat. 1997 nimmt der Rebellenführer Kinshasa ein, er stürzt Machthaber Mobuto und wird neuer Präsident. Doch aus den alten Unterstützern werden die neuen Feinde. Ruanda und Uganda haben an einer Sache kein Interesse – einer stabilen Regierung im Kongo. Sie unterstützen neue Rebellengruppen, die den Osten destabilisieren – weit entfernt von Kinshasa. In den Konflikt schalten sich weitere Nationen ein, der Tschad, Angola, Namibia und Zimbabwe. Sie stehen Laurent-Désire Kabila bei. Madeleine Albright, ehemalige Außenministerin der USA bezeichnete diesen Sieben-Nationen-Kampf als „ersten Weltkrieg Afrikas“. Bis heute haben fast vier Millionen Menschen ihr Leben durch die Folgen dieses Krieges verloren.

„Neue Barbarei“

Seit mehr als zehn Jahren also befindet sich dieses Gebiet im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo in einem Schwebezustand zwischen politischer Instabilität, schwelendem Bürgerkrieg und der Eskalation in einem Sieben-Nationenkrieg.
Der Bezirk Ituri liegt in der Provinz Orientale im äußersten Nordosten der DR Kongo. Es grenzt im Osten an den Lake Albert und Uganda. Das Gebiet ist etwa 250 km lang und breit, dichter Busch bedeckt zerklüftete Berghänge. Wie viele Menschen hier leben, ist schwer zu ermitteln, „offizielle“ Zahlen gibt es nicht. Nur die Toten sind gezählt, es sind über 50.000.
Ohne Zahl dagegen sind die Qualen für die Zivilgesellschaft, Angst, Folter, Vertreibung bestimmen ihren Alltag, die Zustände in den Flüchtlingscamps sind elend. Frauen und Mädchen leiden besonders – Vergewaltigungen werden als Waffe gegen die Schwächsten eingesetzt. Die Menschen hier haben kaum eine Chance sich zu schützen, denn die Front ist ständig in Bewegung. Die Schauplätze der Gewalt wechseln fast täglich, ebenso die Allianzen.

In Ituri flammte die Gewalt im Jahr 2003 auf. Im März 2003 zog die ugandische Armee aus Ituri ab, ein Sicherheitsvakuum entstand. Vor den Augen der überforderten Peacekeeper wurden Hunderte Menschen ermordet und etwa 80 Prozent der Einwohner der Bezirkshauptstadt Bunia vertrieben.

„Follow the money“

Im Frühjahr des Jahres 2003 explodierte ein tödliches Gemisch aus unterschiedlichsten lokalen und internationalen Interessen. Aber eins ist den Beteiligten gemeinsam, alle sind getrieben von „Gier“. Sie wollen nur eins: Rohstoffe ausbeuten, Geld verdienen. „Follow the money“, ein Leitmotto, das hilft, diesen vielschichtigen Konflikt zu verstehen.
Ein Überblick über die verschiedenen Ebenen:
Auf lokaler Ebene waren es lang schwelende ethnische Ressentiments zwischen den Volksgruppen Hema und Lendu, ein Konflikt noch aus der Kolonialzeit vor allem über Landrechte, der jetzt mit Waffengewalt gelöst werden sollte. Ethnische Auseinandersetzungen wie diese sind oft keine Form der „neuen Barbarei“, sie sind nicht irrational. Ethnische Zugehörigkeit wird oft zur Mobilisierung genutzt. Die Identität wird politisiert, Menschen angestachelt, Hass gesät. Lokale Machthaber heizen solche Auseinandersetzungen oft gezielt an, um in den Wirren des Kampfes ihre meist Interessen durchzusetzen. Die Gewalt polarisiert, jeder muss sich zu einer Seite bekennen. Um auf den lokalen Markt und damit auf die Schürfrechte zugreifen zu können, müssen sich externe Akteure in Ituri für eine Seite entscheiden.
Auf regionaler Ebene spielen die Interessen der Nachbarstaaten Ruanda und Uganda die entscheidende Rolle, sie werden als „Katalysatoren“ des Konfliktes bezeichnet. Absurd: die Auseinandersetzung findet zwar auf kongolesischem Territorium , als Akteur spielt der Staat Kongo kaum eine Rolle. Obwohl heute beide Staaten offizielle keine Truppen mehr im Kongo haben, sind sie präsent. Durch Geschäftsmänner, durch ehemalige Soldaten, die sich hier niedergelassen haben, durch die Bezirksverwaltung in Ituri, die zwar auf dem Papier die DR Kongo repräsentiert, aber durch Uganda ausgesucht wurde und somit ugandische Interessen wahrt.
Der illegale Export von Rohstoffen, in Falle von Ituri vor allem Gold, ist Dreh- und Angelpunkt aller Gewalt. Ruanda konnte zu einem der größten Goldexporteure Afrikas aufsteigen – ohne selbst eine einzige Mine zu besitzen. 90 Prozent aller Rohstoffe verlassen den Kongo illegal. Firmen aus der Schweiz, Belgien oder Südafrika kaufen diese Ware auf und speisen sie regulär in den Markt ein. Rund um diesen Schmuggel hat sich eine riesige lokale Ökonomie entwickelt. In dieser „economy of war“ verdienen alle: Transportunternehmer fliegen mit Maschinen aus der Sowjetzeit Gold oder Waffen, Grenzbeamte ignorieren die Zustände oder stellen falsche Papiere aus, private Sicherheitsdienste und Milizen bieten Arbeit für viele junge, perspektivlose Männer. Eine Waffe besitzt hier jeder.

„Violent Peace“

Heute herrscht in Ituri ein schwer zu fassender Zustand, der als „violent peace“ beschrieben wird. Obwohl offiziell kein Krieg mehr ist, kehrt auch kein Frieden ein, konstatiert ein Paper der UN. Ein anderer Begriff für dieses gewalttätige Schwanken zwischen Krieg und Frieden ist „low intensity war“.
Es wird weiterhin gekämpft, die Gewalt in Ituri dauert an. Zivilisten, vor allem Frauen, sind auch in „friedlichen“ Zeiten gefährdet. Erst Ende Juli flohen fast 200 Zivilisten vor bewaffneten Attacken über die ugandische Grenze.
Der einzige Unterschied zum Krieg besteht darin, dass die Gewalt heute nicht mehr von staatlichen Akteuren, also Armeen ausgeht, sondern von Privatleuten, die in Milizen kämpfen. Die Gewalt in Ituri wurde privatisiert. Nicht nur die Gewalt wurde privatisiert, in Ituri gibt es fast nichts, was daran erinnert, dass dieses Gebiet zur Demokratischen Republik Kongo gehört. Die politische Souveränität der Regierung in Kinshasa existiert hier nicht. Der Staat ist kollabiert – und mit ihm alle staatlichen Organe. Polizei, Justiz und Armee tragen zwar kongolesische Uniformen, Lohn erhalten sie nur sporadisch. Um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern, sind auch sie am gierigen Wettlauf um Rohstoffe und Schürfrechte beteiligt. Kriminalität wird nur in Ausnahmefällen gesühnt, Opfern widerfährt selten Gerechtigkeit. Lokale Warlords, die früher Milizen befehligt haben, sind jetzt Geschäftsmänner – ohne der Gewalt abgeschworen zu haben. Das einzige Recht in Ituri ist das Recht des Stärkeren. Dieser Zustand der Staaten- und Gesetzlosigkeit mit Gewalt als Währung sorgt für gutes Geschäftsklima. Jenseits der staatlichen Ordnung herrscht nicht Chaos, sondern hier sind neue Formen von Herrschaft entstanden, vom Rechtsstaat weit entfernt.

Zwischen Wahrheit und Hass – die fragwürdige Rolle der Medien

Wahrheit oder Lüge, objektiv oder subjektiv, diese Grenzen scheinen für die Medien in Ituri zu verschwimmen, glaubt man den Worten von M’Baya Tshimanga. Er ist Vorsitzender der Journaliste en Danger (JED), einer Vereinigung von unabhängigen Journalisten, die für das freie Wort im Kongo kämpfen. Auf der Nachrichtenseite allafrica.com äußert er sich kritisch über die Rolle der Medien. Der Konflikt im östlichen Kongo sei in den kongolesischen Medien sehr präsent. Allerdings sei die Berichterstattung unausgewogen und parteiisch. Die Tageszeitungen seien oft ein klarer Repräsentant einer Allianz, bzw. eines lokalen Warlords und vertreten offensiv deren Interessen. Beste Voraussetzungen, um neuen Hass anzustacheln. Ein weiteres Problem der Berichterstatter, so Tshimanga sei, dass es kaum vertrauenswürdige Quellen gebe. Informationen kämen einzig von den Kämpfern selbst oder aus ausländischen Medien wie Radio France International, keine kongolesische Zeitung habe einen Redakteur vor Ort. Manipulation ist an der Tagesordnung. Im östlichen Kongo könne sich kaum ein funktionierendes Pressewesen etablieren, weil viele Menschen nicht lesen könnten oder schlicht kein Geld für eine Zeitung hätten. Die Produktionskosten sind hoch, es wird im Ausland gedruckt, die Zeitungen erscheinen nur unregelmäßig, das Verbreitungsgebiet ist minimal.
Das Radio ist neben den Zeitungen das zweite Medium, auch hier nehmen die Warlords Einfluss auf das Programm, so Tshimanga. Wie mörderisch manipulierte Radio-Stationen sein können, zeigte der Genozid in Ruana 1994. Tagelang wurde hier gegen die Tutsi gehetzt.

Friedlicher Frieden?

2003 wurde unter internationaler Beteiligung ein umfassendes Friedensabkommen geschlossen. Die Ziele: Abzug aller ausländischen Truppen, Wiederherstellung des „Staates“ Kongo und Durchführung von Wahlen. Nach zwei Jahren fällt die Bilanz durchwachsen aus. Die Richtung stimmt, nur an der Dynamik scheitert es. Die für den 30. Juni dieses Jahres geplante Präsidentschaftswahl wurde abgesat und um ein Jahr verschoben. Als Grund wurden organisatorische Schwierigkeiten angegeben. Kaum verwunderlich in einem Land, dass man auf dem Landweg nicht durchqueren kann, da die Straßen fehlen.
Gewählt wird jetzt erst im nächsten Jahr, die Vorbereitungen laufen derzeit auf Hochtouren. Für die UN ist es die größte und teuerste Wahl, sie unterstützt die Stimmabgabe mit über 200 Millionen Dollar. Willam Swing der MONUC-Chef übt sich in Optimimus. Erwartet werden etwa 28 Millionen Wähler – auf einem Gebiet der Größe Westeuropas. Zur Zeit ist die Wählerregistrierung in vollem Gange, in der Hauptstadt Kinshasa haben sich über 3 Millionen Wähler und über 400 Parteien registriert. Am 14. August schließen die Registrierungsbüros in Ituri.
Mit der Wahl kommt für viele die Hoffnung auf ein friedliches Leben. Zahlreiche Flüchtlinge aus den Nachbarländern kehren zurück, um sich registrieren zu lassen.
Für viele sind die Wahlunterlagen die ersten „offiziellen“ Dokumente, die sie besitzen, sie dienen auch als Pass. Ein kleines Stück vom neuen „Staat“ Kongo?

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