Leute, die Politik studieren…

Für Erik Nebel, 26, ist es eine ganz ungewohnte Situation einmal der Befragte zu sein. Normalerweise ist es er, der fragt, und nicht, der antwortet. Als dpa-Korrespondent für die Leipziger Gegend finanziert er sich seit sieben Semestern sein Studium der Politikwissenschaft, gekoppelt mit Journalistik auf Diplom. Er ist einer von denen Leuten, die Politik studieren… zur Zeit gerade in Athens/Ohio, USA.
Powimag: Was machst Du Weihnachten?

Erik: Ich werde Weihnachten arbeiten, innerhalb meines Praktikums über die Winterferien bei der dpa in Washington. Ich werde auch an den Feiertagen arbeiten, so wie ich das jetzt mitbekommen habe. Also, man hat mich gefragt, da ich ja sonst nichts weiter zu tun habe. Bevor ich dann wirklich vor aller Sentimentalität aufgehe, schau ich lieber, was George W. so sagt.

Der dpa- Weihnachtsmann

Powimag: Bist du denn dafür qualifiziert… also hast du deine Zwischenprüfung schon hinter dir?

Erik: Ja, die Zwischenprüfung habe ich nach dem vierten Semester gemacht. Und zwar im Sommer. Das würde ich heute nicht mehr so machen. Das Wetter war einfach zu gut, da lernt es sich eben schlechter. Ich dachte, dass ich noch
nicht reif genug wäre, sie nach dem dritten zu machen, obwohl ich die Scheine alle schon nach dem ersten Semester hatte.

Powimag: Bitte?

Erik (protzend): Ich habe eben alle Vorlesungen besucht, und die Klausuren mitgeschrieben und sie bestanden. So einfach ist das eben in Leipzig mit dem powi- Grundstudium. Aber ich dachte, ich sollte noch ein bisschen mehr
mitnehmen.

Bildung öffnet Horizonte

Powimag: Und, hast du ein bisschen mehr mitgenommen?

Erik (nicht wirklich ernsthaft): Natürlich! (wieder ernsthafter) Im Ernst, ich denke, man sollte nicht so durch das Studium durchhetzen. Ein bisschen Zeit muss sein, um den Horizont zu öffnen.

Powimag: Nach dem du durch sechs Semester in Deutschland deinen Horizont in Ruhe öffnen konntest, verbringst du nun ein Jahr an einer Uni, in der man innerhalb eines Jahres den Masters macht. Bleibt da Zeit für die Suche nach dem
Horizont? Gibt es Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Hochschulsystem?

Erik: Es ist der komplette Gegensatz zur deutschen Universität. Es ist mal ganz angenehm, mal wieder zurück in die Schule zu gehen, alles vorgesetzt zu bekommen, genau zu wissen, was man lesen muss. Wenn man die Texte für das
Seminar gelesen hat, hat man ein richtig gutes Gefühl, und denkt: Ja, ich habe es geschafft, ich habe jetzt die Anforderungen erfüllt. In Deutschland hat man oft das Gefühl, man kann nie genug machen. Das ist zumindest mein Eindruck.

Zurück auf die Schulbank

Powimag (besserwisserisch): Hast du wirklich das Gefühl in Leipzig bei XY* nicht genug machen zu können?

Erik: Bei XY*? Das weiß ich nicht, da war ich nie. Aber zum Beispiel der Reader von Elsenhans im Grundstudium war einfach nicht zu lesen, so viel war das. Es war generell unmöglich, das zu schaffen.

Powimag (verwirrt): Was ist denn hier anders?

Erik: Ich lese hier eben sehr, sehr viel; eben das, was man mir vorsetzt.

Powimag: Liest du hier mehr als in Deutschland?

Erik: Um ehrlich zu sein… ja.

Powimag (Pulitzer-Preis verdächtig): Aha, das ist doch seltsam. Einerseits hast du das Gefühl nie genug machen zu können. Andererseits liest du nicht mehr, sondern weniger. Wie erklärst du dir das?

Erik (tief durchatmend): Wenn man eh nicht genug machen kann, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, dass man eh nie wirklich dem Anspruch genügt… warum soll man überhaupt was machen. Das klingt jetzt sehr radikal. Aber ein bisschen ist es so. In den Kursen fehlt oft der Überblick, was jetzt wirklich Grundlage ist, was verlangt wird. Ganz ehrlich, bei vielen Dozenten in Leipzig denke ich, dass mehr Struktur den Kursen gut tun würde.

*Namen von der Redaktion geändert

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