Praktisch in Russland, dann Leipzig und dann?

Thomas Seifert ist einer von denen, denen man ständig begegnet und doch nur zufällig kennen lernt. Thomas ist mit dem Zivildienst ins Ausland gespült worden, genauer nach Russland. Nachdem er zwei Jahre dort gearbeitet hat, studiert er nun mit uns zusammen Politik. Ein Gespräch.
FLORIAN: Welches Semester?

THOMAS: Viertes…ledig, neeee…. hab’ ne Freundin. Muss so was da rein?

FLORIAN: Wieso das Politikstudium?

THOMAS: Unbeantwortbar. Ich überlege mir gerade, ob ich es nicht lieber lassen soll.

FLORIAN: Warum?

THOMAS: Weil es immer nur darum geht, andere Leute zu regieren.

FLORIAN: Es geht doch nicht nur um Macht, sondern auch um Koordination.

THOMAS: Ich denke, dass ist ein Thema für sich. Außerdem habe ich das Gefühl, noch nicht genug drüber nachgedacht zu haben.

FLORIAN: Was war das Motiv für Deine Entscheidung?

THOMAS: Mir fiel nichts besseres ein.

FLORIAN: Politik passt doch ganz gut zusammen mit Deinem Russland-Projekt? Wie bist du darauf gekommen, Dich in diesem deutsch-russischen Verein zu engagieren, von dem Du mir erzählt hast?

THOMAS: Ich wollte damals kein normaler Zivildienstleistender sein; hauptsächlich aus Gründen des „persönlichen Vergnügens“. Mein erster Wunsch war, nach Irland zu gehen. Dann wollte man mich nach Italien, dann nach Polen schicken. Schließlich habe ich mich selbst um eine offene Stelle in Russland bemüht.

FLORIAN: Korrespondieren Politik und Russland überhaupt nicht?

THOMAS: Ach, zuerst wollte ich das Autohaus der Familie irgendwann übernehmen, aber Russland hat das alles verändert.

FLORIAN: Wie?

THOMAS: Meine Interessen haben sich um 180° gedreht, ich habe einen anderen Blick auf die Welt entwickelt, eine Mischung aus Ernüchterung und Depression.

FLORIAN: Aber auch Motivation, oder?

THOMAS: Ja. Menschen können grausam sein, aber auch liebenswert. Das System in Russland, in dem ich gearbeitet habe, war grausam. Das geht da teilweise gar nicht anders. Aber die Menschen sind liebenswert.

FLORIAN: Was hast Du gemacht?

THOMAS: 1 Jahr soziale Arbeit in Pawlowsk in einem „Heim für geistig Zurückgebliebene“, wie es im Russischen heißt; ein Heim mit 600 behinderten Kindern. Habe fünf Tage die Woche im Haus 4 mit den schwersten Fällen gearbeitet – mit den sogenannten Liegegruppen.

FLORIAN: Du hast doch einen Verein gegründet, der diese Menschen unterstützt?

THOMAS: Nein, da bin ich nur eingestiegen. Der Verein existiert seit 1992; seit 1995 ist „Perspektiven e.V.“ auch in Pawlowsk aktiv – unter anderem in Kooperation mit, „Initiative Christen für Europa“ hier aus Sachsen.

FLORIAN: Was machst Du in dem Verein konkret?

THOMAS: Ich war zuerst bei dem Verein als Zivi angestellt, habe dann nach dem Zivi noch ein weiteres Jahr in St. Petersburg weitergearbeitet. Ich habe dann auch einen Hilfstransport mit 15 to Material in Deutschland zusammengestellt und nach Russland gebracht.

FLORIAN: War es Deine Initiative?

THOMAS: Ja. Die Johanniter haben mich damals gefragt, ob so was nicht auch für Russland denkbar sei. Die russischen Behörden legten einem damals nicht bloß Steine, sondern ganze Gebirge in den Weg. Ich hab die Herausforderung angenommen und es trotz aller Hürden geschafft. Über die Erfahrungen mit der russischen Bürokratie könnte ich ein Buch schreiben.

FLORIAN: Und heute?

THOMAS: Voriges Jahr habe ich in Deutschland einen Vorstandsposten im „Perspektiven e.V.“ übernommen.

FLORIAN: Muss man sich dann nicht zwangsläufig mit russischer Politik beschäftigen?

THOMAS: Ja, man muss wissen, wie das System funktioniert; darf sich da nicht auflehnen; muss Distanz wahren und muss mit Geduld für seine Ziele mit dem russischen Staat zusammenarbeiten. …. Was mich gefesselt hat: Da drüben sind Namen und Gesichter, denen ich mit meiner Arbeit dank meiner Möglichkeiten hier in Deutschland Chancen und Perspektiven eröffnen kann, die sie sonst wohl nicht bekommen könnten.

FLORIAN: Warum hast Du dann das Gefühl, dass Dich dass Politikstudium nicht weiterbringt?

THOMAS: Naja, schwer zu sagen. Jeden Tag was mit den Händen zu machen und sich dann im Studium auf ein theoretisches Niveau einlassen zu müssen, das irgendwann – wenn überhaupt – auf das reale Handeln zurückführt. Ich weiß nicht. Über das Studium weiß ich zur Zeit nicht zu reden. Es ist zwar ganz interessant, aber es muss doch zu irgendwas führen, oder?

FLORIAN: Also kannst Du nicht erkennen, wohin es führt?

THOMAS: Ja, nicht so richtig.

FLORIAN: Und Orientierung ist während dem Studium undenkbar?

THOMAS: Naja, Angebot schafft Nachfrage… Hier kommt einem alles ein bisschen wie ein Abenteuerspielplatz vor. Es gibt schon viele interessante Momente, die einen wirklichen Bezug zu eigenen Gedanken haben. Aber man findet keine Antworten, sondern immer nur gleich drei neue Fragen.

FLORIAN: Und die Kommilitonen?

THOMAS: Die, mit denen ich Kontakt habe, haben alle das gleiche Problem: keiner weiß genau, wo er hin soll. Keiner kann sagen: „Das und das will ich“. Ich bin immer ein bisschen skeptisch – und vielleicht auch scheu.

FLORIAN: Und wie steht es mit Kontakt zu Leuten, die etwa ähnlich Projekte haben?

THOMAS: Ja, ich habe einen Kommilitonen hier an der Uni, der an einem ähnlichen Projekt in Kaliningrad arbeitet.

FLORIAN: Ist die Uni nicht der Impulsgeber für solche Sachen; der gemeinsame Ort, der Leute anspornt und beflügelt, was zu machen?

THOMAS: Naja, ich glaube mittlerweile, es kann einen solchen Ort, an dem man Leute kompetent machen kann, nicht geben…. In der Uni findet keine Auseinandersetzung mit der echten Welt statt – außer manchmal privat bei einem Bier. Und in Gremien oder Colloquien fühle ich mich nicht wohl. Die Leute versuchen nicht, sich gegenseitig zu entdecken, sondern stellen sich nur dar.

FLORIAN: Was heißt das?

THOMAS: Die Leute bemühen sich irgendwie nicht, einen gemeinsamen Nenner zu entdecken, um dann miteinander was zu unternehmen. Man hat ja immer den Eindruck, dass jeder seins macht, dabei ähneln sich die Probleme aller doch ziemlich.

THOMAS: Was ist Dein Lieblingsthema?

FLORIAN: Ach, in zwei Jahren Studium war wenig Zeit, sich mit was ausführlich beschäftigen zu können. Politische Theorie, glaube ich.

FLORIAN: Bei welchem Thema bist Du denn so richtig abgegangen?

THOMAS: Naja, eine Arbeit über die Vergabe von Anteilsscheinen am Volkseigentum der DDR für die ehemaligen Bürger der DDR nach deren Auflösung während der Wiedervereinigung. War interessant zu sehen, wie so eine an sich tolle Idee zwischen den Parteien zerrieben wurde. Ist halt nichts bei rausgekommen.

FLORIAN: Das ist für Dich Politik? Das nichts bei rauskommt?

THOMAS: Es kommt ja schon was bei raus. Aber es gibt nicht ausreichend Zeit, um wirklich gute Projekte zu entwickeln, weil die Leute ja immer nur jetzt und morgen sehen.

FLORIAN: Was machst Du heute Nachmittag?

THOMAS: Ich lese gerade von Fach sein Buch „Die Regierung der Freiheit“.

FLORIAN: Warum?

THOMAS: Weil ich unter anderem darüber meine mündliche Zwischenprüfung ablege.

FLORIAN: Auch aus Interesse?

THOMAS: Auf jeden Fall auch.

FLORIAN: Und sonst?

THOMAS: Im Sommer geh ich erst mal wandern, um nachzudenken und meinen Standort zu bestimmen…. Ich bin mir gar nicht sicher bei diesem Interview. Sollte man nicht lieber ein knackiges Frage-Antwort-Spiel spielen?

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