Vom Bachelor in Osnabrück zum Lehramt in Leipzig

Unser Kommilitone Markus Behrens hat in Osnabrück einen Bachelor in Sozialwissenschaften erworben, bevor er hier in Leipzig ein Lehramtsstudium für Gemeinschaftskunde und Deutsch aufgenommen hat. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit dem Bachelor-Studium und erzählt, warum er nun in Leipzig ein zweites Studium aufgenommen hat.
Markus Markus, Du hast an der Universität Osnabrück ein BA-Studium abgeschlossen. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich hatte eine sehr klare Vorstellung, was ich machen wollte und habe dann ein wenig im Internet recherchiert. Dort bin ich auf Osnabrück gestoßen, die das Angebot gerade frisch ins Netz gestellt hatten und sehr viel versprechende Dinge dazu geschrieben hatten – von wegen Internationalität, Studiengang der Zukunft und so. Dann habe ich mich mit Leuten unterhalten, die ähnliches gemacht haben und dann stand für mich fest, dass ich das machen möchte.

Was hast Du Dir denn genau vorgestellt? Was war denn die Erwartungshaltung?

Ich habe an ein Studium gedacht, dessen internationale Anteile, sprachorientierte Anteile und so weiter, uns später im Ausland helfen sollen.

Und, was wurde tatsächlich angeboten?

Naja, im Prinzip war es der gleiche Studiengang wie vorher der Sozialwissenschaftsstudiengang, der auch angeboten wurde – allerdings angepasst an die neue BA-Struktur. Das war inhaltlich das Gleiche, nur von der Form her was anderes.

BA-Studiengänge setzen sich ja aus Modulen zusammen. Was waren das für Module?

Es werden Hauptfach und Nebenfachmodule unterschieden. Wir haben ein großes Hauptfach und wenig Punkte fürs Nebenfach. Das war ein 180-Punkte-BA, wobei auf das Hauptfach 120 Punkte und auf das Nebenfach nur 60 Punkte entfielen.

Und was waren die Inhalte dieser Module?

Hauptsächlich Soziologie, Sozioökonomie, Statistik und Politik – mit dem Hauptgewicht auf Soziologie.

Der BA soll ja aus einem allgemeinen Teil und einem Spezialisierungsteil bestehen. Wenn Du Dich nun für Internationale Beziehungen interessiert hast, konntest Du da ein entsprechendes Angebot wahrnehmen?

Zuerst gab es eine Einführungsveranstaltung, die grundlegend aufs Studium vorbereiten sollte. Zusätzlich stand dann pro Semester eine Lehrveranstaltung zur Wahl und der Rest war vorgegeben. Man konnte sich also nur in einem Bereich des Wahlpflichtsachen raussuchen.

Was war denn Inhalt der Einführungsveranstaltung?

Da ging es um wissenschaftliches Arbeiten – vor allen Dingen um soziologisches Arbeiten. Dadurch hat man ein Verständnis davon gewonnen, was Sozialwissenschaften überhaupt wollen und was Arbeiten nach wissenschaftlichen Kriterien soll.

Und wie steht es um handwerkliches, wie die Recherche, das Lesen, Exzerpieren, das Pflegen eines Zettelkasten und so weiter?

Das gab es als freiwilliges Zusatzangebot, aber das musste man nicht machen. Ich pflege zum Beispiel keinen Zettelkasten.

Inwiefern war es Dir tatsächlich möglich, gemäß Deinen Interessen im Spezialisierungsteil zu wählen?

Die Sache ist, dass wir ein sehr kleiner Fachbereich waren, der allein dadurch noch geschwächt war, dass die Universität zuvor den Diplomstudiengang der Sozialwissenschaften zwei Jahre lang ausgesetzt hatte. Der Fachbereich stand durch die Kürzungen auch vor finanziellen Schwierigkeiten. Der Fachbereich für Sozialwissenschaften war einfach der Fachbereich, an dem gerne gekürzt wurde und es standen dadurch auch nicht viele Dozenten zur Verfügung. Dadurch sind auch die Wahlmöglichkeiten nicht die Besten gewesen. So hatte man pro Semester vielleicht drei Veranstaltungen, die interessant waren und zwischen denen man wählen konnte. In manchen Semestern gab es dann auch keine interessanten Veranstaltungen, unter den man wählen konnte, sodass man dann irgendeine Notlösung finden musste.

Worauf hast Du Dich als BA-Absolvent im Laufe Deines BA-Studiums spezialisiert?

Meine Spezialisierung war Soziologie. Ich habe mich auf die Geschlechterforschung spezialisiert und hier auch meine Abschlussarbeit geschrieben.

Der BA gilt ja als der erste berufsbildende Abschluß. Gab es eine berufsorientierte Studienberatung, die versucht hat, Studieninteresse, Praktika und Studium auf einen Nenner zu bringen? Hast Du Dich dabei auf eine bestimmte Berufstätigkeit hin orientiert?

Wir haben natürlich auch ein Praktikum absolvieren müssen, wobei es auch ein vor- und nachbereitendes Seminar hierzu gab. Da wurden einem dann auch schon Tips mit auf den Weg gegeben. Bei der Bachelorarbeit ging es dann aber mehr um wissenschaftliches Arbeiten.

War das Praktikum eine gezielte Vertiefung Deiner Studieninhalte?

Nein. Das war ein generelles Praktikum bei der Marktforschung bei Emnid. Aber man hätte auch alles andere aus dem Berufsbereich frei wählen können.

Es heißt, die Modularisierung des Studiengangs fordert eine intensivere Betreuung als bislang. Gab es in Osnabrück eine systematische Betreuung?

Ja, gab es. Weil wir einer der ersten Bachelorsemester in Osnabrück überhaupt waren, war noch alles offen. Ich habe bis zum BA zehn Semester studiert, aber die erste, die fertig wurde, hat es in sieben Semestern geschafft und die anderen so nach acht. Aber das lag nicht so sehr an den Studenten, sondern am System. Es gab eine ganze Reihe an Dingen, die wir uns erkämpfen mussten; für die es noch keine Regeln gab. Deshalb war unser Semester wahrscheinlich sehr beratungsintensiv, weil es eben das erste Jahr war. Da es ein kleiner Fachbereich war, sind die Professoren eben viel auf uns zugegangen. Wir hatten ein gutes Betreuungsverhältnis. Die haben uns in den Veranstaltungen gefragt, was wir brauchen und uns wurde gesagt, wenn was sei, könnten man hierzu eine Veranstaltung machen.

Hatten die Dozenten nicht ein Interesse daran, Euch zu betreuen, weil sie den Studiengang ja schließlich auch selbst eingeführt hatten?

Ja genau. Das war eine Gruppe von Fachbereichsprofessoren, die das hauptsächlich in die Hand genommen haben, die daran geglaubt haben und das vorwärts getrieben haben.

Du sagtest, ihr musstet Euch vieles erst erkämpfen. Was war das zum Beispiel?

Bewertungen zum Beispiel. Es gab ja dieses ECTS-Punkte-System. Da gab es am Anfang ganz starke Unterschiede. So gab es in unserem Studiengang „Social Sciences“ für die gleiche Veranstaltung weniger Punkte, als für die Leute aus dem Studiengang „European Studies“. Im Hinblick auf die internationale Vergleichbarkeit geht das natürlich nicht.

Wie muss man sich Euren Kampf vorstellen? Habt Ihr Euch als Fachschaftsrat konstituiert?

Es ging auch über die Fachschaft, wurde aber von uns Studierenden selbst initiiert, wobei es natürlich Überschneidungen mit dem Fachschaftsrat gab. Meistens aber waren es Leute von uns, die gesehen haben, dass hier oder da etwas nicht passt und die dann direkt hingegangen sind und selber etwas getan haben; die also bei den Informationsveranstaltungen oder Gremientreffen anwesend waren und das zur Sprache gebracht haben.

Wie hat die Betreuung denn ausgesehen? War das Betreuung in Kleingruppen oder war das Betreuung in Einzelgesprächen?

Es gab verschiedene Formen. Die angebotenen Informationsveranstaltungen waren immer für ein Semester und für einen Jahrgang. Hierzu wurde mit uns ein Termin vereinbart, zu dem wir das Anliegen verabredet haben. Zu dem Termin kamen die Professoren dann vorbereitet zu uns rein und dann haben wir das besprochen. Die andere Möglichkeit war, sich einzeln Beratung zu holen. Dazu muss man wissen, dass es in Osnabrück für jeden Bachelorstudiengang eine zuständige Sekretärin gibt, die gleichzeitig zuständig für Beratung ist. Die sind aber auch überlastet, weil es Sekretärinnen sind, die dafür nicht extra eingestellt wurden, sondern auch schon vorher im Bereich der Prüfungsverwaltung und in anderen Studiengängen tätig waren und denen jetzt einfach mehr diese Studienberatungsaufgabe übertragen worden ist.

Hat sich das Problem mit der Zeit gelöst?

Nein, da war es immer voll.

Wie viele Studierende wart ihr denn im Studiengang?

Im ersten Semester waren wir fünfzehn. Heute sind es pro Semester ungefähr 60.

Ist das vergleichbar mit der Situation an unserem Institut hier in Leipzig?

Nee, überhaupt nicht. Hier ist es größer. Allerdings ist es natürlich die Frage, wie groß die Studiengänge hier dann sind, wenn der Bachelor erst einmal eingeführt ist.

Gab es ältere Semester, die die jüngeren Semester betreut haben?

Ja, es gab Tutoren aus den sozialwissenschaftlichen Studiengängen, wie Politik oder Soziologie auf Diplom aus den Jahren zuvor zwei ältere Semester pro Jahrgang, die uns betreut haben.

Haben dann später auch ältere BA-Studenten tutorielle Betreuung übernommen?

In der Zeit, in der ich das überblicken kann, soweit ich weiß nicht. Vielleicht später. Bis zu meinem Abschluß gab es immer noch ältere, die das übernommen haben.

Hast Du den Eindruck, dass der Studienplan auf Deine individuellen Studienziele hin abgestimmt worden sind?

Nein. Eine individuelle Erfassung gab es kaum. Wie gesagt, viele Wahlmöglichkeiten hatten wir kaum. Es ist wirklich ein verschultes System, in dem fast alles vorgegeben ist. Es hieß da, in dem und dem Semester solltet ihr die und die Veranstaltung machen und dann wurden in dem Semester auch nur die Veranstaltungen angeboten. Wenn man was anderes machen wollte, dann kam man in Schwierigkeiten.

Was für Schwierigkeiten waren das?

Hauptsächlich wurde es nicht angeboten. Der empfohlene Studienverlauf war auch der, den man dann machen sollte.

Das wirft natürlich die Frage nach der Möglichkeit auf, die Hochschule wechseln zu können. Die gestuften Studiengänge sind ja genau dafür gedacht. Gab es eine hochschulübergreifende Fachstudienberatung, die einem raten konnte, an welche Universität man gehen könne, um seine eigenen Interessen im Rahmen dortiger Module weiter zu verfolgen?

Nein, gar nicht.

Hatten die Institutsangehörigen einen Überblick darüber, wie die Osnabrücker Module kompatibel wären zum europäischen oder internationalen Ausland?

Nein … nein, überhaupt nicht.

Vielleicht wenigstens im Übergang vom BA zum MA?

Nein, auch Informationen dazu musste man sich selber holen.

Gab es von den Dozenten ein Feedback, wo man selbst steht, wofür man sich da gerade interessiert und was man in diesem Bereich weiter machen könnte? Haben sie Dich auf neue Ideen gebracht, was Du tun könntest?

Für die Zeit nach dem Bachelor? Nein. Wenn es um die Zeit nach dem Bachelor ging, dann gab es Informationsveranstaltungen zu den Masterstudiengängen an der Universität selber. Die bauten auf den Bachelor-Studiengängen auf. Wenn man zum Beispiel vorher internationale Organisationen hatte, dann wurde das spezialisiert in Form der Lehrveranstaltung II im Hauptstudium …

Im Hauptstudium?

Ich sage Grund- und Hauptstudium, aber mit Hauptstudium meine ich den Master.

Organisierte die Fachstudienberatung berufsorientierte Informationen – bspw. von den Berufsfachverbänden, CareerCentern oder ähnlichem? Gab es eine grundlegende Berufsorientierung in der Studienberatung? Wurde da eine aktive Kontakt oder Orientierungsarbeit geleistet?

Nein. Das einzige, was es an gutem Service in diesem Bereich gab war die Vermittlung von Praktika. Es gab ein großes Brett mit Aushängen. Die Praktikumsangebote, die reinkamen, wurde ausgehangen. Zudem gab es spezielle Informationsbüros, wie bspw. die Praktikumsbeauftragte.

MarkusWarum studierst Du jetzt, nach dem BA-Abschluß hier in Leipzig?

Nachdem ich den Bachelor fertig hatte habe ich mir den Arbeitsmarkt angesehen und habe geschaut, ob ich da irgendwo einsteigen kann. Ich habe mir ein paar Angebote geholt und Bewerbungen geschrieben und stand dann aber vor der Situation, dass mich die Angebote, die es so gab und wo ich hätte hingehen können überhaupt nicht interessiert haben. Das wäre zum Beispiel die unterste Stufe der Marktforschung gewesen, wo ich dann quasi als Interviewer angefangen hätte. Dafür brauche ich aber nicht studieren. Ich hätte gerne an freien Instituten in der Richtung meiner Spezialisierung gearbeitet. Aber da habe ich das Gefühl, dass einfach nicht viele Gelder zur Verfügung stehen und deshalb einfach nicht viele Leute eingestellt werden. Ich habe mich deshalb jetzt umorientiert und studiere jetzt auf Lehramt Gemeinschaftskunde und Deutsch. Mit Gemeinschaftskunde knüpfe ich an mein Studium an und Deutsch ist einfach meine persönliche Stärke. Das war schon eine Neuentscheidung. Ich habe dann auch ein Praktikum in der Schule gemacht, um nicht noch mal vor der Situation zu stehen, dass ich irgendwann nicht mehr ganz zufrieden bin und studiere jetzt sehr gut und sehr gerne Lehramt.

Was vermisst Du hier verglichen mit Osnabrück und was hast Du hier gewonnen?

Das Beste, was ich hier gewonnen habe, ist die Stadt. Osnabrück ist eben eine kleine niedersächsische Stadt mit so einem norddeutsch-kühlem Charme. Die Leute hier haben mehr etwas uriges und etwas freundliches und gehen eher auf mich zu. Ich habe das Gefühl, dass sich hier eher etwas bewegt, als dort. Zudem habe ich im Studium hier viel bessere Dozenten als dort. Am Zustand der Universität hat sich allerdings nichts geändert. Wir hatten da überfüllte Seminarräume und wir haben hier überfüllte Seminarräume.

Was würdest Du ändern? Was fehlt im BA in Osnbrück, was fehlt hier? Was sollten wir uns dringend erhalten?

Ich glaube, die Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen sollte sehr intensiv sein, um ein gutes Angebot mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten zu bieten. Ich habe in Osnabrück im Nebenfach Psychologie gemacht. Zunächst wurde das von der Fakultät akzeptiert, aber in den Veranstaltungen entstand dann das Gefühl, dass wir unerwünscht sind, weil wir Nebenfächler sind und eigentlich nur Platz wegnehmen. Mit der Zeit wurde dann auch das Angebot zurückgefahren. Zum Schluß wurden nur noch drei Veranstaltungen für Nebenfächler angeboten und die anderen Lehrveranstaltungen waren dann für uns nicht mehr offen. Und das wäre aber das Schöne bei der Einführung des Bachelor: Wenn man die Wahlmöglichkeiten hätte.


Fotos: Markus Behrens, aufgenommen beim Gespräch im Café Grundmann

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