Von der Politik- zur Gesellschaftsberatung?

Am 20. und 21. Oktober lud das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) in Gießen zur Tagung unter dem Titel „Von der Politik- zur Gesellschaftsberatung?“. Themen waren Norm und Praxis deliberativer Politik, Politikberatung in/via Medien und die Einsatzmöglichkeiten „neuer Medien“. Der Hinweis auf den Kongress kam von Nico Koppo, dem dieser Bericht gewidmet ist.
Von der wissenschaftlichen Politikberatung zur reflexiven Wissensgesellschaft

Claus Leggewie hat in seiner Eröffnung drei Modelle vorgestellt, mit denen man sich dem Thema der Politikberatung und der Rolle der Medien nähern kann. Das erste Modell ist technokratisch. Die Wissenschaft informiert dabei die politische Ebene, auf der solchermaßen informiert eine Entscheidung getroffen wird. Dafür zollen Politiker und vor allem Laien der Wissenschaft Anerkennung. In einem zweiten Modell erhebt die Politik den Anspruch, von Bürgern und Experten unabhänging bzw. autonom zu sein und je nach Anliegen zwischen Repräsentation und Sachverstand zu pendeln. Leggewie favorisiert ein drittes Modell, das er als die „reflexive Wissensgesellschaft“ bezeichnet. Wissenschaft, Politik und Bürger stehen hier in vielfachen Wechselverhältnissen. Da „facts uncertain“ sind, handelt es sich bei Politik um einen Balanceakt, sich zwecks einer Entscheidungsfindung durch Expertise informieren zu lassen, sich jedoch zugleich durch Zustimmung der eigenen Legitimation versichern zu müssen. Dies läuft auf die „argumentative Wende“ (siehe Frank Fischer) hinaus und bedeutet das Ende der wissenschaftlich-positivistischen Politikberatung im Sinne des ersten Modells. Die Rolle der Medien findet sich dann da, wo es um den Transport bzw. die Vermittlung der Argumente geht. Leggewie bringt dieser Gedankengang zu der Frage, ob es sich bei Wissenschaft dann vielleicht nicht mehr allein um Politikberatung, sondern um Gesellschaftsberatung im weitesten Sinne handelt, in der den Medien im weitesten Sinne die Vermittlung der sich im Spiel befindlichen Argumente zukommt. Die Beratungsöffentlichkeit konstituiert sich dabei aus der Schnittmenge der sich im Streit befindlichen Bürger, der im Wettbewerb liegenden Politiker und den Experten und Gegenexperten, während sich die Einzelschnittmengen durch die spezifischen Probleme der jeweiligen Rollenverteilung auszeichnen (Bürger/Experten: Konkurrenz um Beteiligung; Bürger/Politik: Konkurrenz um Entscheidung; Experten/Politiker: Ringen um Wissen)

Fischers argumentative Wende in der Gesellschaftspolitik

Nach einem historischen Abriss der Beratung der Politik hat Frank Fischer das Problem der Beratung von Politik als erkenntnistheoretisches Problem zugespitzt. Zum Beispiel: Versuchen Liberale eher Programme zu entwickeln, so suchen Konservative eher den Misserfolgsnachweis des jeweiligen Programms per Evaluation zu erbringen. Damit wird jedoch die Entstehung, Validität und nicht zuletzt auch die soziale Konstruktion von Wissen problematisiert, was Fischer zur Formulierung seiner These bringt, Wissenschaft sei nun in die Phase post-positivistischer Politikberatung eingetreten. Denn die Wissenschaft verändere sich dahingehend, Argumente nicht nur zu evaluieren, sondern vor allem auch, sie zu verbessern. „Not proving, but assessing, how arguments are connected“, sei das Gebot der Stunde. Man werde dann feststellen, wie Politiker gleiche Argumente gegenüber verschiedenen Öffentlichkeiten unterschiedlich einsetzten, ebenso, wie die Lernkurve der Adressaten zum Thema werden wird. Fischer wendet dies mit Blick auf die Diskursanalyse. Denn der Nachvollzug von Argumentationslinien kann letztlich auch dazu dienen, Entwicklungen und Wendungen nachzuvollziehen. Als herausragende Themen der bisherigen Forschung dieses Bereichs sieht Fischer hier die Auseinandersetzung mit „advocacy coalitions“, politischen Allianzen, die politische Ideen in Form sogenannter „storylines“, also mit einem Fokus auf das narrative Moment politischer Ideen, entwickeln und durchsetzen. Storylines stellen hierbei ein diskursives Medium dar, um Themen mit spezifischen sozialen Bedeutungen besetzen und Adressaten in ihrem Interesse vermitteln zu können. Soweit alles schön gut. Fischer sieht das Problem bei der üblichen Frage, wer an der Entwicklung der Storylines teilnimmt und stellt fest, dass es sich hierbei überwiegend um Akteure mit eher neoliberalen Ausrichtungen handelt. Vielleicht sei dann hier auch auf Michael Walzers Kritik zurückzukommen, dass der durchschnittliche Bürger mangels Know-How und Erfahrung nur noch durch den Wahlakt an Politik teilnehmen könne. Es stelle sich daher die Frage nach der Struktur und Leistungsfähigkeit des deliberativen bzw. diskursiven Systems. Meine Rückfrage, ob es sich nicht schlicht um ein klassisches Problem der Organisationsfähigkeit von Interessen handele, blieb zumindest von dem ganz auf das Diskursive gerichteten Fischer unverstanden. Es bleibt meines Erachtens dennoch die Frage nach dem „Wer?“ offen; wer also „storylines“ erfinden und implementieren kann und ob die von Fischer konstatierte Neigung der Akteure zu neoliberalen Ideen nicht gegebenenfalls einfach als eine Assymetrie der Organisationsfähigkeit unterschiedlicher Träger unterschiedlicher Ideen erklärt werden kann.

Der Donnerstag abend wurde mit dem unterhaltsamen, wenn auch enervierend plakativ-suggestiv daherkommenden „Dokumentarfilm“ „Gelesen, gelacht, gelocht“ von Thomas Leif beschlossen, ohne dass das Gefühl aufgekommen wäre, tatsächlich etwas sachliches über Politikberatung in Deutschland erfahren zu haben. Aber das störte die Anwesenden offensichtlich kaum.

Wer berät eigentlich? Soziologische und politikwissenschaftliche Annäherung an die „Politikberatung“

Am nächsten Morgen griff Bettina Lösch den Film im ersten Panel zur Norm und zur Praxis deliberativer Politik auf, um auf die ökonomische Prägung der aus der Unternehmensberaterszene stammenden Beratungsleistungen hinzuweisen, die sich lediglich auf Problemlösen und Marketing konzentrierten. Über den ökonomischen Aspekt solcher Beratungsleistungen schlug Lösch dann die Brücke zu der Frage, ob es hier nicht an der Zeit sei, die ökonomischen Macht- und Stärken-Ungleichgewichte und deren Effekte zu hinterfragen – was meiner Frage nach der Organisationsfähigkeit der Träger von Ideen gelegen kam.

Thomas Saretzki versuchte dann das Panel stärker theoretisch zu strukturieren, in dem er Norm und Praxis deliberativer Politik systematisch zusammenzuführen versuchte. So steht sich seiner Meinung nach im Bereich der Norm die Frage nach dem Wünschenswerten der Frage nach dem Praktizierbaren im Bereich der Praxis gegenüber. Und so stellt sich die Frage nach der Möglichkeit einer Demokratisierung deliberativer Politik: Mehr Partizipation? (Saretzki: fragwürdig!) Mehr Öffentlichkeit / Beratung? (Saretzki: Skepsis!) Saretzki plädiert daher für die seiner Meinung dritte Möglichkeit: der reflexiven Argumentation und Partizipation, wobei die Analyse deren Leistungsfähigkeit unter dem Gesichtspunkt der „Verbindlichkeitsproduktion“ geschehen muss.

Alfons Bora begann seinen Vortrag mit einem Bekenntnis zum Pragmatismus: Theorien müssten auf die Praxis passen. Neu sei in der deliberativen Praxis tatsächlich, dass nun gezielt die Stakeholder der jeweiligen Prozesse einbezogen werden müssten, doch variiere die Partzipation soziologisch faktisch je nach Typ der Partizipation. [1]. Entscheidend bei der Unterscheidung der Akteure sei dabei die jeweils im Beteiligungsverfahren übernommene Rolle der jeweiligen Akteursgruppe. Silke Schicktanz unterlegte die vorausgegangenen Ausführungen mit ihren Erfahrungen aus der Praxis.

In der Diskussion meldete sich dann unter anderem Fischer mit der Frage zu Wort, ob das Problem nicht auch darin bestehe, dass Laien mit der Komplexität der Expertenkommissionen und ihrer Ergebnisse nicht umgehen könnten. Martin Thunert forderte eine Präzisierung im Sprachgebrauch. Statt sich um allgemeine Begriffe wie Politik- oder Gesellschaftsberatung zu bemühen, solle man Beratung je nach Adressat in Politiker-, Verwaltung-, Bürgerberatung etc. unterteilen. Ein praktizierender Politikberater wies darauf hin, dass Politikberatung aktiv mit politischen Konflikten umgehe, die Diskutanten aber geradezu so täten, als ginge es immer nur um die beste Lösung eines Problems. Die Konflikthaftigkeit von Beratung müsse jedoch als solches thematisiert werden. Bora setzte hinzu, Politikberatung würde dann problematisch, wenn mit der Wissenschaftlichkeit Etikettenschwindel betrieben würde. Man müsse die Grenze wissenschatlicher Erkenntnis als solche akzeptieren lernen. Silke Schicktanz warf ein, dass die implizit höhere Wertschätzung der Diskutanten für die Autorität von Experten verfehlt und ein verbreiteter Irrtum sei. Experten müssten mit dem gleichen Maß gemessen werden wie Laien, denn es stelle sich die Frage, wann ein Experte ein Laie und ein Laie Experte sei. Es sei nicht gerechtfertigt und unvorsichtig, sich bei Bürgerbeteiligungsverfahren mit Kritik an deren Moderation und Expertise zu überschlagen, einer Enquetekommission oder einem nationalen Ethikrat jedoch per se Kompetenz in diesen Bereichen zuzuschreiben.

Wie die Wissenschaft sich nun mit der Politikberatungsbranche und den Medien den Einfluß auf Politik teilen muss

Das zweite Panel zur Politikberatung via/in den Medien wurde von Renate Martinsen eröffnet, die darauf hinweist, dass das zur Verfügung stehende „Datenmaterial“ zu politischen Fragen im hin- und her zwischen den beteiligten Funktionssystemen Politik, Wissenschaft, Medien jeweils neu formatiert wird. Damit spricht sie auf das Problem der Fragmentierung von Medien und Öffentlichkeit an, indem sie diese Systeme als mehrfach strukturell gekoppelt darzustellen versucht.

Frank Nullmeier hat seine vier Thesen anhand des Akteursvierecks Medien-Politik-Wissenschaft-Politikberatungsbranche dargestellt. So zeigte er zunächst, dass Wissenschaftler in diesem Viereck mit anderen Teilnehmern, wie bspw. Beratern aus dem Bereich der Wirtschaft mit anderen Normbehauptungen konkurrieren. So stünden sich allem voran die Behauptung von Wahrheit und die Behauptung ökonomischer Effizienz als Angebote unterschiedlicher Normen gegenüber. In dem Akteursviereck spielt sich zudem ein Gefüge von Wechselwirkungen ab, das weit über eine rein bilaterale Beziehung von Politik und Wissenschaft hinausgeht. So steht die Wissenschaft sowohl mit der Politik, als auch mit den Medien und der Beratungsbranche in einem Austauschverhältnis, in dem die Wissenschaft Autorität an die Medien, die Politik und die Beratungsbranche transferiert, während die Wissenschaft im Gegenzug realweltliche Wirksamkeit und Reputation, im Bereich der Beratungsbranche auch Entlohnung erhält. Die Erweiterung der Beratungsbranche, die sich Nullmeier unter dem Begriff „public affairs“ subsummieren lässt, führt darüber hinaus zu einem kreativem Moment im Bereich der strategischen Nutzung der Akteure, was Nullmeier als ein „spielen über Bande“ bezeichnet. So „kaufe“ man sich unter Umständen einen Wissenschaftler, dessen Autorität medial genutzt werden könne, um über die Medien an die Politik eine Botschaft zu vermitteln, statt als „Politikberatung“ direkt auf die Politik zuzugehen. Solche Zusammenhänge müssten Nullmeier zufolge in Zukunft von der Politikwissenschaft empirisch, systematisch, soziologisch, politisch-kulturell usw. durchdrungen werden. [2] Die Entwicklung mache es überdies notwendig, „über die angemessene Form von Politikberatung“ nachzudenken und Regulierung zu erwägen, wobei auch die Rolle der Medien kritisch beleuchtet werden müsse.

Martin Thunert berichtete im Anschluß von der Entwicklung der Politikberatung in den Medien der Vereinigten Staaten. Hier dominierten Opposite Editorials (Abk.: Op-Ed, die Kommentare von Kolumnisten beinhalten, die oft bewusst von der Redaktionslinie abweichen) in Tageszeitungen, beraterproduzierte Medienformate oder Sendungen sowie Formen von Bürgerjournalismus. Die bestimmenden Stakeholder seien hierbei meinungsstarke Intellektuelle, Celebrities, mediengestaltende Think-Tanks und Politikanalysten. Anhand einer amerikanischen Studien zeigte Thunert, dass Beratung vor allem als „passende Beratung“ im Sinne einer „Munitionierung mit Argumenten“ als glaubwürdig wahrgenommen würde. Auch käme es für die Berater weniger auf mediale Selbstvermarktung an, als auf den richtigen Standort (Hauptstadtstandort), die Breite des angebotenen Themenspektrums, die Größe der Einrichtung und die begünstigenden Ereignisse. Selbstvermarktung helfe den Agenturen lediglich bei der Platzierung eigener Studienergebnisse. Diesbezüglich sei das Verhältnis von wissenschaftlichen und politischen Politikberatern vielsagend: So gäbe es in den US-amerikanischen Universitäten zwar ca. 1400 Nah-Ost-Experten, doch seien in den Medien hauptsächlich nicht-wissenschaftliche „Experten“ einschlägig bekannter Think-Tanks vertreten. Hier würde deutlich ein Problem der Selbstvermarktung von Wissenschaft erkennbar.

Daraufhin warf Thomas Fischer pointiert die Frage auf, ob man nicht den Schluß ziehen müsse, dass Wissenschaftler zu einer politikkompatiblen Kommunikationsfähigkeit erzogen werden müssten. Stefan Böschen bestärkte Nullmeiers Forderung nach einer politikwissenschaftlichen Durchdringung der Politikberatung, indem er die Frage nach der zum Beispiel ökonomischen Logik hinter dem System aufwarf. Auf Thomas Fischers Frage ging Nullmeier gezielt ein. So habe man heute zu bedenken, dass man es im Gegensatz zum 19. Jahrhunderts heute mit einer weit größeren Population an Experten zu tun habe, sodass sich heute anders als früher das Problem der Anonymität stelle, sobald jemand Expertise nachfragt. Dieses Problem sei zudem noch durch das Verschwinden von Vorabmilieus, wie Partei-, Vereins oder sonstigen Zugehörigkeiten verstärkt worden, die die Kontaktherstellung bislang vereinfach hatten. Die Folge sei das Erstarken der Vermittlung durch die Medien oder die Notwendigkeit, als Akteur im Hintergrund über eine ökonomische Organisation zu verfügen, um überhaupt interaktions- und aktionsfähig zu werden. Würden solchermaßen erzeugte neue Vermittlungsformen noch durch klassische Vermittlungsformen (Publikation, persönliche Beziehung) überlagert, ergebe sich ein Optimum an Handlungsfähigkeit für einen entsprechenden Akteur. Über die Frage von Thomas Fischer hinaus wies Nullmeier nochmals daraufhin, dass die neuen Milieus, bestehend aus den Akteuren und den hinter ihnen stehenden Organisationen, natürlich nicht kontrollierbar seien, dass man aber sehr wohl Spielregeln für Prozesse setzen könne, die sich auf die gesetzgeberische Arbeit beziehen. Auf die Frage Thomas Fischers schaltete sich auch noch einmal Thunert ein. So gehe es in der US-amerikanischen Hochschulausbildung von Politikberatern unter anderem in der Tat auch um Trivialisierungskompetenz. [3] Ein praktizierender Politikberater forderte, anders als die Diskutanten auf dem Podium Schwarz-Weiß-Denken als Notwendigkeit politischer Kommunikation zu betrachten. Erst Oppositionen machten themen interessant und kommunikabel – ein Grund, warum zum Beispiel das von Thomas Fischer aufgeworfene Föderalismusreformthema über die Kreise der Eliten nicht hinauskommen könne. Wissenschaft sei dabei selbstverständlich der Lieferant von Autorität durch Sachkompetenz und Glaubwürdigkeit auf beiden Seiten. Thunert fügte hinzu, dass nicht ein Bewusstseinswandel nicht nur auf Seiten der Wissenschaft gefordert sei. Problematisch sei auch, dass es im Parlament keine oder dysfunktionale Anwaltssysteme gäbe. Denn es stelle sich doch auch die Frage, wie der Politiker als Adressat von Politikberatungsleistungen mit diesen Angeboten umgehe. Nullmeier reagierte vehement: Hier beim Abgeordneten zu schaffende wissenschaftliche Mitarbeiterstellen seien Einfallstore für Lobbyisten, die Besetzung solcher Stellen eine strategische Herausforderung. Hingegen wäre etwas gewonnen, wenn die Politikberatungsszene an sich politikwissenschaftlich reflektiert würde.

Politikberatung und neue Medien. Oder: Wie einige Blinde über Farbe zu diskutieren versuchten

Verglichen mit Panel 1 und 2 war es in Panel 3 über weite Strecken so, als redeten Blinde von der Farbe. Auf dem Programm stand im weitesten Sinne das Internet und hier vor allem das Suchen und Finden von Information, das kollaborative Schreiben in Wikis und Weblogs sowie das Senden von Information als Audio-Dateien – in einer an die Tage der NewEconomy erinnernden Neusprache hochtrabend als „Podcasting“ bezeichnet (von Apples iPod und Broadcasting abgeleitet). Der Brückenschlag zur Politikberatung wollte dem Podium jedoch nicht gelingen. Stefan Böschens Vortrag [4] ließ noch nichts von dem erkennen, was dann alles nicht mehr kommen sollte.

Jens Wollings und Joachim Griesebaums Beiträge lassen sich in der Aussage zusammenfassen, dass die ersten zwanzig Suchergebnisse bei Google kein repräsentativer Querschnitt durch die im Internet tatsächlich verfügbaren Informationen und schon gar nicht sachlich adäquate Informationen darstellen, das Nutzungsverhalten bis hinein in die höchsten Entscheiderpositionen jedoch einen besorgniserregend naiven Umgang mit solchen Suchergebnissen zeigt und man sich Sorgen um die Qualität entscheidungsrelevant solchermaßen aufbereiteter Information machen muss. Bereits diese beiden Vorträge verhießen nichts gutes. Weder Wolling noch Griesebaum machten sich die Mühe, historisch, wirtschaftsanalytisch, informations- oder medientheoretisch die Entwicklung von Suchmaschinen und das Problem des Umgangs mit dem Zugang zu Information als solchem theoretisch zu durchdringen. Solchermaßen theoretisch unverstanden konnte es natürlich nicht gelingen, zu den Herausforderungen von Politik- und Gesellschaftsberatung auch nur irgendwie eine ansprechende Brücke zu schlagen.

Rainer Kuhlen kühlte die von mir provozierte Konfrontation ab, indem er die Versorgung mit Meta-Informationen durch den Markt allein in Frage stellte und Steffen Büffel das Wort erteilte.

Steffen Büffels Vortrag war ein Lichtblick, weil er dem Publikum unter dem Stichwort „Social Software“ einen kurzen Eindruck davon gab, welche Funktionsvielfalt Weblogs und weblogaffine Formate auf der Basis des Internets bieten. Aber auch er blieb eine graphisch aufbereitete und theoretisch eingeleitete Präsentation der Formatidee „Weblog“ schuldig und skizzierte lediglich die dem Format geschuldeten sozialen Phänomene, ohne allerdings tatsächlich belastbar das Phänomen empirisch soziologisch zu beschreiben oder auf dessen politische Dimension eingehen zu können.

Nicht anders verhielt es sich mit den unschuldigen Vorträgen von Anja Ebersbach und Markus Glaser zum kollaborativen Schreiben in Wikis – und ich bin mir fast sicher, Nullmeier war sich nicht bewußt, wie erfrischend erdend seine Wahrnehmung der Wiki-Euphorie ist, den romantisch libertären Vorstellungen der Wiki-Schreiber die Interpretation entgegenzusetzen, es handle sich bei Wikis nach seinem nun ersten Eindruck zufolge weniger um die Erfindung der Demokratie per se, als vielmehr um eine Assoziation zum gemeinsamen Textschreiben, um Textschreibvereine; einer Art Vereinsleben also, in denen alle Phänomene von Vereinsleben und Vereinsmitgliedschaft zu finden seien. Glaser wusste darauf nur noch zu sagen, Texte seien an sich ja mächtig, weil sie Ideen transportierten – aber das war auch schon alles, was man politisch dazu zu sagen wusste.

Auch Erik Meyer konnte das politische an seinem Format „Podcasts“ nicht ohne weiteres erklären, auch wenn die Aussicht, per Audiodatei Interviews und anderes exklusives Wissen bereitzustellen, sicherlich einleuchten. Doch mit dem von ihm in seinem Thesenpapier verwendeten Begriff „Nischenmedium“ dürfte bereits alles Wesentliche gesagt sein, auch wenn der Phantasie – beispielsweise im Hinblick auf die neuen mp3-Aufnahmegeräte – keine Grenzen gesetzt sind. Alles in allem litt Panel 3 daran, dem Internet viel zu stark über konkrete Formate, und weniger über Theorie, Entstehungsgeschichte und Technologie des Mediums an sich auf die Spur kommen zu wollen, was natürlich misslingen muss.

Als hätte er von den Anwesenden gesprochen, konzentrierte Böschen die Problemanalyse dann in der Diskussion auch auf die Experten-Laien-Differenz und betonte, dass es die Hoffnung sei, die die Laien auf das Medium Internet setzten, wenn es ihnen um gleichberechtigte Kommunikationschancen im Bereich des Politischen geht.

Nicht Herkunft birgt für die Qualität von Information, sondern die Qualität der Beantwortung der Frage nach ihrer Relevanz im Zusammenhang

Dirk Baeckers Abendvortrag unter dem Titel „Die Beratung der Gesellschaft“ entschädigte dann vollauf für Panel 3.

Baecker schlug vor, Berater aus der Sicht von confidence-games zu interpretieren, bei denen ein Betrüger das Vertrauen seines Opfers gewinnt, während sein Partner den dann Betrogenen nach dem Betrug beruhigt und davon abbringt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und zum Beispiel zur Polizei zu gehen. In Anlehnung an die Kritik von Bettina Lösch wies Baecker darauf hin, dass es sich bei Politikberatung in den allermeisten Fällen tatsächlich nicht um Lösungsberatung handle, sondern um eine Form von Prozessberatung, bei der kontinuierlich Problemanalysen und Lösungskonzepte geliefert würden, ohne den Beratenen jedoch in die Lage zu versetzen, Analyse und Lösungskonzeption selbst zu erlernen. Die solchermaßen Beratenen gerieten so in fortwährende Abhängigkeit von „Beratung“. [5]

Baecker sieht die Herausforderung im Umgang mit den unterschiedlichen Rollen im Bereich der Politikberatung, der Berater-, Darstellungs- und Publikumsrolle, in dem Problem, mit der Überschussproduktion von Sinn umgehen zu lernen, die jeweils neue Medien produzieren. Diesen Gedanke leitet Baecker aus Luhmanns Schriften über den Computer ab, demzufolge der Überschusssinn eines neuen Mediums sinnvoll verwendbar sein muss. Im Wechsel von der literalen Gesellschaft zur Computer- oder Filmgesellschaft stellt sich jedoch die Frage, worin das kommunikative Problem der Überschussproduktion an Sinn besteht, die der Computer produziert. Baecker vermutet, dass die Antwort dort zu suchen ist, wo der Computer technisch über das bloß gedruckte hinausgeht: Der Computer rechnet mit. Haben wir Jahrtausende Erfahrung mit dem mitdenkendem Bewusstsein unserer sozialen Umwelt gesammelt und unser handeln auf das immer auch vorhandene Mitdenken im Form der Fähigkeit zur Kritik o.ä. abgestellt, so haben wir hingegen keine Erfahrung und ergo auch keine Routine mit dem mitrechnenden Computer. Mit ihm steht uns jedoch nach Luhmann ein Umsturz bevor: Spielt in der Schriftgesellschaft die Überprüfung der Quelle die entscheidende Rolle, so wird diese hermeneutische Prüfung zur basalen Grundlage wenn es ab sofort nur noch um die Überprüfung der Frage geht, ob die vorgefundene bzw. verfügbare Information im persönlichen Verwendungszusammenhang relevant ist. Soweit ich das verstanden habe, tritt an die Stelle von Fragen nach Herkunft, Glaubwürdigkeit und Intension der Informationsquelle somit die Frage nach Relevanz, wodurch die Frage nach der Rolle des Informanten verdeckt wird.

Links

http://www.gesellschaftsberatung.info
Liveblog der Tagung mit Bildern und Kommentaren: http://blog.zmi-giessen.de/

Anmerkungen:

[1] Siehe die Auszüge aus Gabriele Abels/Alfons Bora: Demokratische Technikbewertung. Bielefeld: transcript Verlag 2004
[2] In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, dass an der Universität Leipzig zur Zeit ein Lehrstuhl für Public Affairs am Institut für Kommunikationswissenschaft eingerichtet werden soll, während zugleich in den kommenden Jahren durch Emeritierung in den von Nullmeier adressierten Bereichen „Politisches System“ und „Analyse und Vergleich“ Stellen verschwinden werden.
[3] Thunert empfahl im übrigen eine Sendung auf Arte zum Thema Spin-doctors
[4] Siehe das Thesenpapier von Stefan Böschen
[5] Hier das Manuskript von Dirk Baeckers Vortrag

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