„Was ist Antisemitismus?“

Aktuelle und alltägliche Erscheinungsformen der Judenfeindschaft waren am vergangen Sonntag Thema eines Vortrags von Wolfgang Benz, seit 1990 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen der von der Uni Leipzig organisierten Veranstaltungsreihe „Das Sonntagsgespräch“ erörterte Benz die Frage: „Was ist Antisemitismus?“ Dabei konzentrierte er sich weniger auf die jahrhundertealte Geschichte der Judenfeindschaft als auf aktuelle Debatten, Stimmungen und Trends. Er stellte vier Erscheinungsformen der Judenfeindschaft vor, sprach über Motive für antisemitische Äußerungen und über Strategien, diese zu legitimieren, über Israel-Kritik sowie über Instrumentalisierung und Ursachen des Phänomens Antisemitismus.

 

Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung. Das schlimme Schicksal von rund sechs Millionen Juden während des Nationalsozialismus, die durch die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ Schreckliches erleiden mussten, belaste noch heute jeden Diskurs, sagte Wolfgang Benz. Diese riesige historische Hypothek mache es schwer, unbefangen über Juden und Judenfeindschaft zu reden. Einerseits gebe es Menschen, die aus Lust am Eklat und dem Drang nach Selbstdarstellung überall Antisemitismus witterten und bekämpfen wollten. Eine weit größere Zahl empfinde die Judenfeindschaft jedoch als ein intellektuell und moralisch äußerst schwieriges Thema, aus dem man sich lieber heraushalte. Oft werde darüber gestritten, wo Antisemitismus eigentlich anfange und was man „sagen dürfen“ müsse. Müssen Diffamierungen gegen eine Minderheit als Privatmeinungen hingenommen werden? Ist der Vorwurf der Volksverhetzung erst beim Beschluss Minderheiten benachteiligender Gesetze gerechtfertigt? Wolfgang Benz: „Die Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus hat angefangen mit Vorurteilen und Unterstellungen im Alltagsdiskurs.“

– Was ist Antisemitismus? Vier Erscheinungsformen der
Judenfeindschaft –

Oft kreisten die Debatten darum, was Antisemitismus eigentlich sei, erklärte Benz. Es werde versucht, sich kategorisch vom Vorwurf der Judenfeindlichkeit zu befreien, indem man diese zu einer Eigenschaft der ewig Gestrigen und Unverbesserlichen am rechten Rand erkläre. Oder man sei geneigt, sich dem Verdacht des Antisemitismus zu entziehen, indem man diesen mit längst veralteten religiösen Vorurteilen identifiziere. Mit „scheinheiliger Impertinenz“ versuche man sich „herauszuwinden“, sagte Benz. Angesichts der enormen Definitions- und Wahrnehmungsprobleme unterschied der Antisemitismusforscher vier Grundphänomene, die den Rahmen für die Betrachtung der Judenfeindschaft bildeten. So gebe es erstens den sehr alten christlichen Antijudaismus, der religiös motivierte Ressentiments beinhalte. Im 19. Jahrhundert sei zweitens der biologisch und anthropologisch begründete Rassenantisemitismus entstanden, der im Holocaust endete. Als dritte Erscheinungsform der Judenfeindschaft nannte Benz den sekundären Antisemitismus, der die Judenfeindschaft nach dem Holocaust im westlichen Nachkriegsdeutschland bezeichne. Dieser sei ein westdeutsches Phänomen, das sich aus Gefühlen der Scham speise und an Restitutionsleistungen festmache. Er diene der Selbstbeschwichtigung und der Abwehr von Schuld und sei durch erhebliche Latenz gekennzeichnet. Als vierte Form nannte Benz den Antizionismus, der auf die Abschaffung des Staates Israel ziele und fester Bestandteil der Politikpropaganda vor allem der DDR und der Sozialisation ihrer Bürger gewesen sei.
Weiter ließen sich in der Intensitätsdimension manifester und latenter Antisemitismus unterscheiden. Manifester Antisemitismus äußere sich in Form von Attacken gegen Personen, Sachbeschädigung und Propaganda. Weit stärker verbreitet sei der latente Antisemitismus, der unterschwellig im Alltagsdiskurs vorhanden sei, etwa in einem stillschweigenden Einverständnis über die Existenz „der Juden“ als ein nicht genau definiertes Kollektiv.
Kritik an den Medien im Umgang mit dem Thema Judenfeindschaft übte Benz hinsichtlich Umfragen zur „Messung“ von Antisemitismus: Diese seien häufig nicht valide. Es heiße nicht, dass etwa ein Vater, der angebe, Vorbehalte gegenüber einem potentiellen jüdischen Schwiegersohn zu haben, zwingend Antisemit sein müsse – es könne sich hier zum Beispiel auch um einen strengen Katholiken handeln, der eine interkonfessionelle Heirat ablehne – egal ob diese nun katholisch-jüdisch oder etwa katholisch-protestantisch wäre. Solche Umstände würden allerdings in den meisten Umfragen nicht berücksichtigt, wodurch ein verzerrtes Bild entstünde.

– Motive für antisemitische Äußerungen –

Die Motive hinter dem sekundären Antisemitismus versuchte Benz durch eine Analyse von Leserbriefen an den Zentralrat der Juden freizulegen. Man müsse zwischen dem Anlass und dem tatsächlichen Motiv für das Schreiben der Briefe unterscheiden. Anlass seien meist Auftritte jüdischer Prominenz, rechtsextreme Exzesse oder Presseveröffentlichungen. Es werde häufig versucht, das auslösende Ereignis zu marginalisieren und die jüdische Reaktion als überproportional deutlich zu machen. Die Motive seien gekränkter Nationalstolz, kleinbürgerliche Überfremdungsangst und Sozialneid, erklärte Benz. Letzterer speise sich aus einer langen Tradition: der stereotypen Vorstellung, Juden würden materiell bevorzugt. Heute werde die Vorstellung des „geldgierigen Juden“ mit der Zahlung von Restitutionsleistungen verknüpft – die Rede von „unerhörten Subventionen“ gipfele in dem Vorwurf, die Juden hätten sich am Holocaust bereichert. Die Überfremdungsangst rühre von der Tendenz, Juden nicht als deutsche Staatsbürger anzusehen. So würden sie zu Fremden gemacht, und das Fremde mache Angst, so Benz.

– Die Instrumentalisierung des Vorurteils im
antisemitischen Diskurs –

Auf der Suche nach Entlastung und einem Mittel zur Abwehr von Schuld werde Antisemitismus oft instrumentalisiert, sagte Benz, die Zahl der tatsächlich ideologisch überzeugten Antisemiten sei eher gering. Der sekundäre Antisemitismus schraube sich hoch zu einer Art „Erlösungsantisemitismus“, der sich aus dem Bedürfnis, sich von Schuld zu befreien, nähre. Eine entsprechende Instrumentalisierung der Judenfeindschaft habe der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann vorgeführt. Um antisemitische Äußerungen zu verteidigen, würden verschiedene Legitimierungsstrategien angewendet, zum Beispiel die der „Gnade der späten Geburt“. Es werde abgelehnt, etwa als Angehörige der zweiten Generation nach dem Nationalsozialismus noch immer über diesen definiert zu werden oder ihn mitzuverantworten. Es werde vom Eindruck einer „Erziehungsdiktatur“ der jüdischen Minderheit über die Mehrheit gesprochen und davon, dass man die „ständigen Belehrungen“ als eine Anmaßung empfinde, die man nicht mehr ertragen könne und wolle. Eine zweite Legitimierungsstrategie funktioniere so, dass man sich auf scheinbar verallgemeinerungsfähige eigene Erfahrungen oder die von Freunden und Bekannten mit Juden berufe. Eine dritte Strategie ziele darauf, die eigene Person vom Verdacht des Antisemitismus zu befreien, indem auf persönliche Beziehungen oder einen familiären Hintergrund verwiesen werde, der Judenfeindschaft scheinbar ausschließe. Benz erklärte jedoch, jüdische Freunde oder Großeltern, die während des Nationalsozialismus Juden versteckt hätten, seien nicht automatisch ein Beweis dafür, dass jemand sich nicht antisemitisch äußern könne. Dies verdeutlichte Benz mit einem Hinweis auf den US-amerikanischen Politologen Norman Finkelstein, der zwar Sohn polnischer Juden sei, sich aber in seinen Büchern eindeutig antisemitisch äußere. Er arbeite mit Vorurteilen und Ressentiments und instrumentalisiere den Antisemitismus für seine persönlichen Zwecke.

– Israel-Kritik als Ventil –

Man könne die Politik des Staates Israel nicht kritisieren, ohne gleich zum Antisemiten erklärt zu werden, laute eine häufige Beschwerde. Dieser Eindruck sei falsch, sagte Benz. Man könne Israel sehr wohl kritisieren, ohne notwendigerweise Antisemit zu sein. Antisemitismus beginne dann, wenn man mit der Kritik eine bestimmte Konsequenz verbinde: die Forderung nach der Abschaffung des Staates Israel. Für viele sei Israel-Kritik ein willkommenes Ventil, um antijüdischen Emotionen freien Lauf zu lassen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Es werde ein größeres Augenmerk auf das Geschehen im Nahen Osten gerichtet als auf andere Konflikte, und im Fall Israel sei die Argumentation häufig moralisch stringenter als in Bezug auf das Vorgehen anderer Staaten. Als Beispiele nannte Benz die US-amerikanische Politik gegenüber Mexiko und die Verhältnisse im Sudan, wo Völkermord im großen Stil praktiziert werde.

– Die Ursachen liegen in der Mehrheitsgesellschaft –

Die Auffassung, dass zuviel Aufhebens um antisemitische Äußerungen gemacht werde, werde oft mit einer Sorge um die politische Kultur in Deutschland begründet. Die Argumentation verlaufe so, dass ständiges Mahnen und Erinnern kontraproduktiv wirkten und so Ressentiments erst geschürt würden. Damit werde die Verantwortung für den Antisemitismus den Juden selbst angelastet, sagte Benz und erklärte, dies sei ein falscher Ansatz: „Nicht die Juden sind schuld am Antisemitismus.“ Die Ursachen für dieses Phänomen lägen in der Mehrheitsgesellschaft selbst. Es gelte soziale Ausgrenzungs- und Instrumentalisierungmechanismen, die nichts mit den Juden als einer vermeintlich spezifischen Gruppe zu tun hätten, zu erkennen und zu thematisieren. Es gehe nicht darum, mehr Aufklärungsarbeit über die jüdische Kultur und Religion zu betreiben – dies sei schon vor der NS-Zeit nicht erfolgreich gewesen, denn: Antisemiten seien nicht an der Realität des Judentums interessiert, sondern am Schaffen und Ausleben von Feindbildern. Durch die Erörterung der Wirkungsweise des Vorurteils, durch das Erkennen von Mechanismen der Marginalisierung und Stigmatisierung, müsse man zur Einsicht über das Phänomen Antisemitismus kommen, erklärte Benz und stellte fest: „Antisemitismusforschung ist Vorurteilsforschung.“ Antisemitismus sei nicht ein Reflex der Mehrheit auf Charakterzüge oder spezifische Wesenheiten der Minderheit der Juden, sondern ein Konstrukt in der Mehrheitsgesellschaft, das der Stabilisierung der Mehrheit diene und ein Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit bei ihr bewirke. Man projiziere etwas auf eine Minderheit und schaffe Feindbilder, indem man Klischees verbreite und Eigenschaften einer Minderheit hochstilisiere. Man müsse von dem Gedanken der Spezifik des Antisemitismus wegkommen, sagte Benz, denn die Judenfeindschaft sei ein Prototyp des sozialen und politischen Ressentiments. Stattdessen gelte es, im ersten Schritt die Mechanismen zu erkennen, die hier am Werk seien, und im zweiten Schritt Anstrengungen zu unternehmen, die kollektiven Aggressionen und Ängste der Mehrheit zu überwinden.

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