Wege aus der Krise: Müssen wir Schule „neu denken“?

„Neue Bundesregierung – neue Chancen für die Bildung?“ So lautete der Titel einer Diskussionsveranstaltung, zu der die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen am vergangen Donnerstag in die Universitätsbibliothek Albertina eingeladen hatte. Vertreter aus Schule, Wissenschaft und Gewerkschaft sprachen mit dem Publikum über mögliche Defizite des deutschen Schulsystems und die Bildungspolitik der großen Koalition, über die Lehrerausbildung in Sachsen und über die Frage: Was soll die Institution Schule eigentlich leisten – und: was kann sie leisten?
Drei Schlagworte warf Marianne Demmer, stellvertretende Bundesvorsitzende der GEW, zu Beginn ihres einleitenden Referats in den Raum: Föderalismusreform, PISA-Schock, Ausbildungskrise. Bezüglich der beiden letzten Themen konnte Demmer, die sich insbesondere mit schulischen Bildungsfragen beschäftigt, neben der beschlossenen gemeinsamen Bildungsberichterstattung von Bund und Ländern bzw. dem so genannten „Ausbildungspakt“, dessen Erfolg nach Demmers Einschätzung bisher eher mäßig ausfällt, „keine gezielten Maßnahmen“ erkennen. Die Föderalismusreform sah Demmer als einen Schritt zu noch mehr Kleinstaaterei. Sie äußerte die Sorge, dass mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor-/Masterprogramme die Regelungen zur Lehrerausbildung an den einzelnen Unis so individuell würden, dass ein Wechsel der Universität kaum noch möglich sein könnte.

Demmer kritisierte die Bildungspolitik der neuen Bundesregierung dahingehend, dass bisher keine durchgreifenden Änderungen des Schulsystems geplant seien. Dabei hätten die Ergebnisse der letzten PISA-Studie gezeigt, dass das zweigliedrige deutsche Schulsystem sowohl in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit als auch hinsichtlich seiner sozialen Gerechtigkeit im Vergleich zu anderen Ländern extrem schlecht dastehe. So könnten deutsche Schüler im Durchschnitt nicht nur schlechter rechnen und lesen als etwa finnische Kinder. Zusätzlich würden Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien durch das System stark benachteiligt und hätten geringere Chancen, den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen. Und die frühe Trennung der Schüler sei fatal: So habe ein Kind, das den Sprung aufs Gymnasium schaffe, mit 15 Jahren einen Lernvorsprung von einem bis eineinhalb Schuljahren gegenüber einem Kind aus der gleichen sozialen Schicht mit einem identischen IQ und der gleichen Mathematik- und Lesekompetenz, das auf die Hauptschule wechsele.

Demmer plädierte für längeres gemeinsames Lernen deutscher Schüler. Sie stellte dem sehr differenzierten deutschen Schulsystem ein – einfacheres – Strukturmodell der Baden-Württembergischen Handwerkskammer gegenüber. Nach diesem Modell würden Kinder erst nach neun gemeinsamen Schuljahren in eine „Oberstufe“ wechseln, die unterschiedliche, zum Teil berufspraktische, Schul- und Ausbildungsformen beinhalten könnte, wobei das an einem Gymnasium erworbene Abitur nur eine von mehreren Möglichkeit darstellen würde, eine Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben. Demmer erklärte, dass sowohl leistungsschwächere als auch leistungsstarke Schüler von einem längeren gemeinsamen Lernen in heterogenen Gruppen profitierten. Die schwächeren Schüler lernten so schneller, und die stärkeren hätten dadurch keine Leistungsnachteile. Hingegen hätten sie Vorteile bezüglich des „sozialen Lernens“: Lernen in heterogenen Gruppen förderten den Sinn für Toleranz und Hilfsbereitschaft der Schüler. Demmers Bilanz im Hinblick auf die Bildungspolitik der großen Koalition fiel ernüchternd aus: „Ich sehe keine hoffnungsvollen Ansätze in der Bildungspolitik“, so die GEW-Vertreterin. Ihrer Meinung nach seien nun die Länder und die Bildungseinrichtungen vor Ort gefordert.

Den Praxisblick einer Lehrerin in Sachsen brachte Angela Hitzschke in ihrem Statement. Die Pädagogin vom Gymnasium Engelsdorf war der Meinung: „Ein zweigliedriges Schulsystem schließt eine angemessene Förderung aller Schüler nicht vom Ansatz her aus.“ Unterschiedliche Schularten könnten den unterschiedlichen Begabungen, Neigungen und Interessen der Schüler entgegenkommen, so Hitzschke. Über den Zeitpunkt der Trennung könne man aber durchaus diskutieren. Die Lehrerin wandte sich gegen eine „Hyperaktivität“ bei der Umgestaltung des Systems. Schule brauche vor allem Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie sich entwickeln könne, sowie gute Konzepte und Planungssicherheit für alle Beteiligten. Es sei eine Paradoxie, dass neue Lehrpläne gemacht, gleichzeitig aber die Mittel gekürzt würden: „Man will den großen Wurf zum Nulltarif!“ Schule brauche aber mehr Möglichkeiten, um mehr leisten zu können. Hitzschke sah den Ansatz zu einer besseren Schule weniger in der Umgestaltung des Schulsystems als bei der Qualität des Lehrpersonals: Erstens müsse die Ausbildung zum Lehrer praxisorientierter werden, zweitens müssten Lehrkräfte per Gesetz dazu verpflichtet werden, sich sowohl im fachlichen als auch im didaktisch-methodischen Bereich weiterzubilden. Außerdem sollte endlich auch für Lehrer eine Form der Leistungsbewertung eingeführt werden. In Bezug auf die (schlechten) Aussichten sächsischer Lehramtsstudierender hinsichtlich Einstellungschancen und Bezahlung sagte Hitzschke: „Nur ein Masochist bleibt in Sachsen!“

Man rede in der Debatte um eine Reform des deutschen Schulsystems oft aneinander vorbei, meinte Dr. Dieter Koop. In seinem Statement stellte der Politikwissenschaftler von der Uni Leipzig die Frage, ob man Schule „verbessern“, „verändern“, oder „neu denken“ wolle. „Verbessern“ bedeute, dass man mit den Zielsetzungen und den Funktionen der Schule, so wie sie existiere, prinzipiell einverstanden sei. „Verändern“ heiße, man sehe eine Disfunktionalität der Schule. Und Schule „neu denken“ beinhalte die Vorstellung, die Schule habe prinzipiell, als Institution, versagt. Koop warnte davor, Bildungspolitik parteipolitisch zu vereinnahmen, da eine Ideologisierung in dieser Debatte besonders schädlich sei. Es gebe keinen Königsweg aus der Krise, alle Ansätze enthielten sowohl gute als auch weniger gute Ideen. Weiter müsse man über die Schule als staatliche Anstalt, die „im bürokratischen System eingefangen“ sei, nachdenken. Der Politikwissenschaftler griff den Wettbewerbsgedanken auf und fragte, ob es im Hinblick auf die Qualität der Schule sinnvoll sei, diese nur als Verwaltungseinheit zu verstehen, oder ob man möglicherweise nach alternativen Formen jenseits des Staates suchen müsse. Weiter empfahl Koop darauf zu achten, was genau PISA messe. Man müsse bedenken, dass Schule nur ein Weg von vielen sei, um an Bildung zu kommen. Die Frage sei, ob die Schule das Problem, dass schlechte Leistungen schichtbedingt seien, kompensieren könne.

Dass der Ausgleich herkunftsbedingter Ungleichheiten auf jeden Fall eine Aufgabe der Schule sein müsse, meinte Marianna Demmer in der nun offenen Diskussion. Daran, dass dies vollständig gelingen kann, glaubte allerdings niemand im Podium wirklich. Angela Hitzschke etwa meinte, Schule könne dazu bestenfalls einen Beitrag leisten. Hier müssten auch andere in die Verantwortung genommen werden. Erziehung sei in erster Linie Sache der Eltern. Auch Marianne Demmer gab zu, dass Schulerfolg und soziale Herkunft nicht völlig zu entkoppeln seien. Aber Ziel müsse sein, diesen Gegensatz schwächer zu gestalten. Der Verzicht auf eine frühe Selektion sei zwar keine Patentlösung. Jedoch werde dieser Weg in Deutschland nahezu tabuisiert, obwohl darin für alle Schüler große Möglichkeiten lägen, das Optimum aus sich herauszuholen. Man müsse (Gymnasial-)Lehrer, die sich vor „schwierigen“ Schülern fürchteten und diese gerne auf andere Schularten abschöben, durch eine vom System her vorgegebnen Heterogenität der Schulklassen dazu „nötigen“, einen auf individuelle Förderung ausgerichteten Unterricht zu machen. Dies sah Gymnasiallehrerin Hitzschke anders: „Ich sehe viele Kollegen, die sich sehr bemühen, viele, die ausgebrannt sind, und viele, die resignieren und aufgeben.“ Wenn die Kinder in die Schule kämen, seien die Weichen schon stark gestellt. Hitzschke fand außerdem, die Debatte werde einseitig geführt. Der Fokus liege oft zu sehr auf den schwächeren Schülern. Man müsse aber auch darüber nachdenken, wie man leistungsstarke Schüler angemessen fördern könne.

Weitere Themen in der Diskussion waren die Lehrerausbildung im Rahmen der neuen Studiengänge – hier befürchtete man auf Seiten der GEW die Beschäftigung von Bachelor-Absolventen an Schulen als eine Art unterbezahlte „Hilfslehrer“ – sowie die Ganztagsschulen. Nach der Vorstellung von Marianne Demmer soll Schule dabei nicht nur als Lern-, sondern auch als Lebensraum begriffen werden. Unter Berücksichtigung des natürlichen Rhythmus der Kinder müssten diese die Möglichkeiten bekommen, das Lernen zu ihrer eigenen Sache zu machen und sich aus sich selbst heraus zu entwickeln. Dies sah sie allerdings bisher in der Praxis nicht verwirklicht: Die sächsischen „Ganztagsschulen“ etwa seien nichts anderes als eine Schule mit Hort – und nannten sich „Schule mit Ganztagsangebot“. Angela Hitzschke stellte fest, hierfür gebe es zwar ausnahmsweise einmal Gelder, aber: „Es fehlt ein umfassendes Konzept!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.