Wer soll hier erzogen werden: DozentInnen oder StudentInnen?

Was fehlt ist eine Öffentlichkeit die weiß, was in der Universität tatsächlich passiert und warum diese Realitäten durch Studiengebühren allein nicht zu verändern sind. Meint man. Aber weiß die Öffentlichkeit all dies tatsächlich nicht?
Vielleicht ist die allgemein zu spürende Zustimmung zur Problemlösung durch „Angebot-und-Nachfrage“ ja ein Symptom einer ganz anderen Krise, die gerade bei der Hochschulfinanzierung sichtbar wird. Handelt es sich nicht vielleicht um eine Vertrauenskrise gegenüber dem öffentlichen Dienst? Laufen wir Studierenden unter Umständen Gefahr, uns mit den besten Absichten (und zurecht) in der Bekämpfung der Symptome zu verausgaben, ohne die eigentliche Krise verstanden zu haben?
Marktlogik als politische Verzweiflungstat

Warum siegt das Denken von einzelakteurslogischen Modellen, wie es in der Vorstellung des „Studenten als Kunden“ zum Ausdruck kommt, vor allem in solchen Momenten, wo es um scheinbar verkrustete Systeme des öffentlichen Dienstes geht, wie es bei den Hochschulen der Fall ist? Ist dies nicht vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich Bevölkerung und Eliten gegenüber als dysfunktional empfundenen, öffentlichen Systemen der Kollektivguterstellung ohnmächtig fühlen und nach Jahrzehnten des empfundenen Stillstands zur Marktlogik als der scheinbar stärksten Waffe zur Disziplinierung von Verschwendung und Müßiggang greifen?

Was, wenn die Hochschulen in den letzten Jahrzehnten ihren Leistungs- und Anpassungswillen trotz knapper werdender Mittel unter Beweis gestellt hätten? Hätten sie dann in der breiten Öffentlichkeit nicht vielleicht ein wesentlich höheres Renomée und mehr Rückhalt – schon alleine unter ihren heute berufstätigen Absolventen? Würden sie dann vielleicht nicht geliebt und mit Herzblut als nationale Errungenschaften verteidigt? Würden wir nicht eine Hochschule lieben, in der ein Esprit de Corps des „jetzt erst recht“ herrschte?

Was, wenn die Unis die Herzen der Menschen gewonnen hätten?

Was, wenn die Hochschulen angesichts knapper Personalressourcen klarere Strukturen und Orientierungsmöglichkeiten geschaffen hätten? Was, wenn sie die Betreuungsleistung systematisiert hätten? Wenn die Prüfungsämter mit den Dozenten vernetzt worden wären? Wenn im Prüfungsamt statt einer Ampel ein offener Tresen mit freundlichen Mitarbeitern stünde, statt dass die hinter verschlossenen Türen lauern? Wenn Curriculen und Prüfungsordnungen von solch öffentlicher Transparenz wären, dass ihre Lektüre für Eltern und Schüler Normalität wäre? Wenn man Studierende in höheren Semestern systematisch in die Betreuung und Lehrunterstützung einbezogen hätte?

Man sollte den Mut haben darüber nachzudenken, ob das Geld seit den 70er Jahren nicht besser genutzt hätte werden können, um sich dauerhaft der Freundschaft der steuerzahlenden Bevölkerung zu versichern. So würde es heute vielleicht weniger verlockend sein, die „Angebot-und-Nachfrage-Logik“ als schwerstes Geschütz gegen schlecht organisierte Lehrstühle, Prüfungsämter, Hochschulverwaltungen und andere Behörden auffahren zu wollen – und damit vielleicht geradezu autoaggressiv noch mehr Schaden anzurichten.

Wo steht der Feind?

Die größte Herausforderung der studentischen Öffentlichkeitsarbeit besteht heute gar nicht so sehr darin, die Risiken und Nebenwirkungen von Studiengebühren zu thematisieren. Ähnlich wie bei der PISA-Problematik muss vielmehr klar werden, dass nicht die Schüler oder Studierenden das Problem sind, sondern die sich vor allem unmöglichen Bedingungen gegenüber sehen, die zur Frustration und zum Studienabbruch, nicht aber zur Motivation und zur Lernfreude beitragen.

Unser Feind sind nicht so sehr die, die Studiengebühren als „Anreiz für Hochschulen“ sehen, als vielmehr die, die sie als „Erziehungsmethode“ ansehen, Studierenden das effiziente Studieren beibringen zu wollen. Nicht die Lernenden sind das Problem, sondern die Lehrer – auch wenn die Kollegien das mit ihrem immer wieder vorgetragenen Wunsch nach „den Besten“ weiß machen wollen.

Die gutmeinende Reform der Hochschulen in Form von Angebot und Nachfrage hat aufgrund der Strukturen im Detail alles andere als gute Chancen zu gelingen und ist vor allem geeignet, jungen lernenden Menschen weitere Probleme zu bereiten. Vielleicht ist ein sadistischer Effekt des ganzen ja der, dass das Politische an sich zumindest bei denen wieder stärker ins Bewußtsein tritt.

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