Wie geht es weiter mit der „Generation Praktikum“?

Viel diskutiert wird seit einiger Zeit die Situation der „Generation Praktikum“. In den Medien häufen sich Berichte über die veränderten Bedingungen für Absolventen insbesondere der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften auf dem Arbeitsmarkt: Das Angebot einer unbefristeten Vollzeitstelle ist für frischgebackene Absolventen zu einer Seltenheit, ja zur Ausnahme geworden. Dagegen beschäftigen Unternehmen unter dem Etikett „Praktikum“ Absolventen heute oft als akademische Billiglöhner – oder sogar zum Nulltarif. Mit dieser Problematik beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion, zu der der Freundeskreis Politikwissenschaft Leipzig – powiplus gemeinsam mit der Kulturpolitischen Gesellschaft Leipzig und dem Bildungswerk der deutschen Gesellschaft am vergangenen Donnerstag in die alte Nikolaischule eingeladen hatte.
Nicht selten stehen Absolventen auch zwei Jahre nach Abschluss ihres Studiums noch immer ohne festen Job dar. Dies zeigt eine nicht repräsentative Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), bei der 89 junge Akademiker zu ihrer beruflichen Situation und zu Praktika befragt wurden. Diese Absolventen waren im Durchschnitt 28 Jahre alt, ihr Abschluss lag zum Zeitpunkt der Befragung zwei Jahre zurück, und sie rekrutierten sich zu 75 Prozent aus Studiengängen der Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften. Nur 39 von ihnen standen mittlerweile in einem festen Beschäftigungsverhältnis, alle bis auf zwei hatten Erfahrungen mit Praktika: Drei Viertel haben während des Studiums drei und mehr Praktika gemacht, die Hälfte hatte auch nach dem Abschluss zwei und mehr Praktika vorzuweisen. Über 50 Prozent bezeichneten ihre Aufgaben als Praktikanten als reguläre Arbeitstätigkeit und berichten von Überstunden und hohem Arbeitsdruck. Zwar gab nur jeder Vierte an, ein unbezahltes Praktikum gemacht zu haben, doch bei bezahlten Praktika handelt es sich in der Regel um eine geringe Vergütung von weniger als 300 Euro im Monat. Dass unter diesen Bedingungen eine Finanzierung des Lebensunterhaltes praktisch unmöglich ist, erklärt den Umstand, dass die Hälfte der Befragten während des Praktikums finanzielle Unterstützung der Eltern erhielt. Ebenso viele berichteten von einem Gefühl der Ausbeutung während ihres Praktikums.

Sechs Experten, die im Rahmen der DGB-Studie zu Rate gezogen worden waren, konstatierten eine Verlängerung der Berufseinstiegsphase sowie eine Zunahme der Absolventenpraktika. Nach Einschätzung der Experten nutzen viele Arbeitgeber die Motive der Absolventen – Erfahrung im Arbeitsleben sammeln, Kontakte knüpfen – sowie die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt aus, um hochqualifizierte Arbeitskräfte für wenig Geld oder sogar zum Nulltarif zu beschäftigen. Unternehmen betrachteten Praktika im Hinblick auf Rekrutierung von Arbeitskräften gerne als „vorgezogene Probezeit“ im Sinne einer Bewährungsphase vor einer eventuellen Festeinstellung. Außerdem würden „normale“ Arbeitsplätze aus betriebswirtschaftlichem Kalkül zunehmend durch Praktikantenplätze ersetzt. Diese Praktikanten stünden dann in einem prekären Arbeitsverhältnis ohne staatlichen Schutz.

Andreas Schackert, der in dem DGB-Projekt „students at work“ aktiv ist, stellte die Studie vor und verdeutlichte, was die Absolventenpraktika aus seiner Sicht so problematisch macht: So hätten insbesondere diese Praktika nur noch wenig mit der ursprünglichen Idee des Praktikums, das während der Ausbildung abgeleistet werden und einen Einblick in die Berufswelt vermittelt soll, zu tun. Ganz im Gegenteil hätten Absolventen ihre Ausbildung ja bereits abgeschlossen, und als Praktikanten seien sie meist voll in die Arbeitsabläufe eingebunden, würden jedoch nicht entsprechend entlohnt. Der Jungunternehmer Lukasz Gadowski, der mit seiner Firma „Spreadshirt GmbH“ nicht nur den deutschen Gründerpreis erhalten hat, sondern auch zum mitteldeutschen Unternehmer des Jahrs 2005 gekürt worden ist, hält die gesamte Diskussion über die „Generation Praktikum“ dagegen für – so wörtlich – „unnötig“. Der ehemalige BWL-Student der Handelshochschule Leipzig beschäftigt nun selbst Praktikanten, die eigenständig Projekte leiten und dafür entlohnt werden – sie erhalten durchschnittlich 800 Euro pro Monat. „Bei uns fühlt sich niemand ausgebeutet“, behauptete der 29-Jährige. Andreas Schackert sah dies anders: Seiner Ansicht nach handelte es sich hier nicht mehr um ein Praktikum, sondern um eine reguläre Beschäftigung, wofür die Vergütung wiederum zu gering sei. Er kritisierte auch das Motiv Gadowskis für die Beschäftigung von Praktikanten („jemanden ausprobieren“) und wies auf die gesetzlich geregelte Probezeit hin, die in festen Beschäftigungsverhältnissen bereits als eine solche Bewährungsphase gedacht sei. Was Gadowski als „Chance“ deklarierte – nämlich die Möglichkeit, bei einem Praktikum sein Können zu zeigen und sich so für eine feste Stelle zu empfehlen – bezeichnete Laurent Joachim von der Berliner SPD als „Nötigung“.

Kai Gehring, Bundestagsabgeordneter der Grünen sowie jugend- und hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion, plädierte dafür, das Problem nicht zu verharmlosen, es aber auch nicht zu dramatisieren. Schließlich läge die Akademiker-Arbeitslosigkeit bei 4,8 bis 4,9 Prozent, d.h. etwa der Hälfte der Arbeitslosenquote insgesamt. Laurent Joachim, Mitglied der „AG Praktikum“ der Berliner SPD, befürchtete eine Abwärtsspirale: So lange es keine gesetzlichen Regelungen gebe, würden die wirtschaftlichen Zwänge greifen, die es für Unternehmen attraktiv machten, Praktikanten zum Nulltarif zu beschäftigen, meinte der gebürtige Franzose und freie Übersetzer. So würden bereits heute häufig sozialversicherungpflichtige Beschäftigungsverhältnisse durch Praktikantenplätze ersetzt.

Dr. Hans-Peter Schmidt von der IHK Leipzig wies darauf hin, dass Klein- und Kleinstunternehmen es sich oft schlichtweg nicht leisten könnten, Praktikanten zu bezahlen. Dass dennoch Praktika angeboten werden, wurde von Seiten der Unternehmervertreter damit begründet, dass ein Praktikum eine Situation des „mutual benefit“ sei: Das Unternehmen werde entlastet, während der Praktikant für den zukünftigen beruflichen Werdegang nützliche Erfahrungen sammeln könne. Die Vertreter von DGB und SPD kritisierten daran, dass Absolventen vor allem aus der Not heraus niedrig oder nicht bezahlte Praktika annähmen, und dass bei einem Praktikum heute meist nicht mehr der Lerneffekt im Vordergrund stehe, sondern dass der Begriff – zum wirtschaftlichen Vorteil der Unternehmen – einer regulären Arbeitstätigkeit übergestülpt werde. Der Grüne Gehring wünschte sich mehr Selbstverpflichtung von Unternehmen. So könnten Firmen, die Praktikumsplätze zu fairen Bedingungen anbieten, ein Zertifikat erhalten und in einen Pool von so genannten „fair companies“ aufgenommen werden. Dies hielt SPD-Mann Joachim für wenig sinnvoll. Er forderte ein Gesetz, denn: „Die Arbeitgeber sitzen in Deutschland einfach am längeren Hebel und können die Arbeitsbedingungen so gestalten, wie sie es wollen.“ Gehring dagegen meinte, dass durch ein Gesetz das Problem, das bekämpft werden solle, nur zementiert, d.h. ein zweiter Arbeitsmarkt für Akademiker auf Niedriglohnniveau institutionalisiert, würde.

Der Jungunternehmer Gadowski sah die Wurzel allen Übels vor allem in den Universitäten: Die Ausbildung insbesondere der Geistes- und Sozialwissenschaften sei im Hinblick auf spätere berufliche Tätigkeiten unzulänglich, die Studiengänge hätten zu wenig Praxisbezug. „Das Schwierigste für einen Unternehmer“, sagte Gadowski, „ist es, gute Leute zu finden.“ Ein Diplom heiße nicht, dass jemand tatsächlich hochqualifiziert sei. Den Fachhochschulen stellten Gadowski und Schmidt ein besseres Zeugnis aus. So meinte der IHK-Repräsentant: „Ich kenne keinen Absolventen der Ingenieurswissenschaften, der Probleme hat, einen Job zu finden.“ Auf die Nachfrage von Moderator Carsten Heckmann, ob man, zugespitzt gesagt, also schlicht besser aufpassen müsse, welchen Studiengang man wähle, äußerten Gadowski und Schmidt praktisch uneingeschränkt ihre Zustimmung. Andreas Schackert widersprach dem: Ursächlich für die Probleme der Absolventen sei nicht das Bildungssystem, sondern die Tatsache, dass das Angebot an Arbeit heute die Nachfrage übersteige.

In einem kurzen Abschlussstatement plädierte Laurent Joachim (SPD) mit der Begründung, der Markt sei nicht in der Lage, sich selbst zu regulieren, für eine gesetzliche Regelung. Andreas Schackert (DGB) empfahl Absolventen, für ihre Rechte und für politische Lösungen in Form einzelner gesetzlicher Änderungen zu kämpfen. Kai Gehring (Grüne) warnte davor, die Situation düsterer zu sehen als sie ist und erhoffte sich neben einer Entspannung der Situation durch den demografischen Wandel mehr Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen. Hans-Peter Schmidt (IHK) riet den Studierenden, die Zeit während ihrer Ausbildung für Praktika zu nutzen und sich so für Unternehmen interessant zu machen. Das Schlusswort hatte Jungunternehmer Gadowski (Spreadshirt GmbH), der keine Empfehlungen abgab, sondern seine Zuversicht bekundete, dass der „Medienhype“ um die „Generation Praktikum“ sich bald legen werde: „Dann kann sich die Politik endlich wieder den wichtigen Dingen zuwenden.“

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