Wo Deutschland verteidigt wird. 1955 und 2005

Als Sicherheitspolitik werden alle Maßnahmen eines Staates bezeichnet, die zur Abwehr bzw. Vermeidung von Gefahren ergriffen werden, deren Ursprung außerhalb des Hoheitsgebietes des betreffenden Staates liegt. Insofern ist die Definition bei Wikipedia zeitlos. Damals wie heute sorgen sich Politiker um die Sicherheit Deutschlands und ihrer Bürger. Einen Unterschied gibt es aber: Während 1955 die Frage im Raum steht, ob die noch junge Bundesrepublik an der deutschen Ost- oder Westgrenze verteidigt wird, ist 50 Jahre später das mögliche Einsatzgebiet für die Bundeswehr die ganze Welt. Deutschland wird nun in Hindelang und am Hindukusch verteidigt. Im folgenden Rückblick und Ausblick zugleich.
1955
„Wo wird Deutschland verteidigt?“ fragt die Abendzeitung aus München am 21. Februar des Jahres, in dem der Deutschlandvertrag in Kraft treten wird. Sechs Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland soll diese nun wieder souverän werden. Die Erlangung der Souveränität ist für die Bundesrepublik im Rahmen der angestrebten Wiederbewaffnung notwendig geworden. Die zunehmenden Spannungen des beginnenden Kalten Krieges gehen auch an der Bundesregierung nicht spurlos vorüber. Bis spätestens zum Januar 1959 soll der Bund 12 Divisionen und 500.000 Mann zu seiner Verteidigung aufgestellt haben. Diskutiert werden auch die Folgen der Stationierung sog. „Atom-Artillerie“ auf deutschem Boden. Die Militärsachverständigen sind sich einig, „[…] daß im Ernstfall der Einsatz dieser Artillerie, sogenannter taktischer Atomwaffen, unweigerlich den Einsatz der Bomben nach sich zieht“.Das Risiko der Deutschen bleibt ein ganz besonderes Risiko. In der Gründung zweier deutscher Armeen sieht die SPD eine Gefahr für die Wiedervereinigung. Gehört sie im Jahr 1955 noch zu den ärgsten Gegnern einer deutschen Wiederbewaffnung, wird sie schon wenige Jahre später ihren Kampf dagegen für verloren erklären und ihre Aufgabe in der demokratischen Einbindung der Bundeswehr sehen.

Deutsche gegen Deutsche? Nein!, um 1955

Doch die größte Sorge zu diesem Zeitpunkt sind nicht die eigenen Verteidigungspläne sondern die der für die Verteidigung der Bundesrepublik zuständigen Nordatlantikpaktorganisation (NATO), zu der Deutschland ab diesem Jahr gehören wird. Plant die NATO wirklich die Verteidigung der Bundesrepublik an ihrer Ostgrenze oder etwa nur einen hinhaltenden Widerstand an der deutschen Westgrenze? „Wir haben große Zweifel, daß mehr als das letztere geplant ist“, so ein aufmerksamer SPD-Politiker dieser Zeit. Souveränität hin oder her: Die Verteidigung der Bundesrepublik wird von der NATO ohne deutsche Mitwirkung organisiert. „Natürlich kann man im Jahre 1955 nicht militärische Sicherheit einkaufen wie ein Pfund Eiernudeln“ so das Fazit in der Abendzeitung.

2005
50 Jahre später wird die Bundesrepublik überall verteidigt nur nicht an ihrer Außengrenze. Kurz hinter der Grenze von Polizisten, circa 5000 Kilometer davor von Soldaten und irgendwo dazwischen von amerikanischen und deutschen Geheimdienstmitarbeitern. Deutschland ist seit 15 Jahren wiedervereint und von Freunden umzingelt. Verteidigt wird nun die Bundesrepublik „nicht nur, aber auch am Hindukusch“, so der Bundesminister der Verteidigung in einer Regierungserklärung ein Jahr zuvor. Aus 12 Divisionen werden 12 Brigaden und aus 500.000 Mann werden 250.000 Männer und Frauen. Mechanisierte, leicht verlegbare Krisenreaktionskräfte sind jetzt die Antwort auf sogenannte asymmetrische Bedrohungen: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu dir“.


Wie bekämpft man jemanden der sterben will?

Die Bundeswehr wird 50 Jahre alt und ist schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Frage stellt man sie kaum noch. Höchstens, ob man sie nicht auch im Inneren einsetzen sollte. Die Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit fällt immer schwerer. Das Risiko der Deutschen ist kein besonderes Risiko mehr, es ist das Risiko der ganzen westlichen Welt.

Doch die große Frage des neuen Jahrhunderts wird nicht lauten: „Wo wird Deutschland verteidigt?“, sondern: „Wie bekämpft man jemanden der sterben will?“.

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