Zur Konstruktion von Devianz bzw. abweichendem Verhalten

Am 4.07.2005 hatte Powiplus zu einem letzten Kolloquium vor dem Sommer zum Thema „Konstruktion von Devianz“ geladen. Die Auseinandersetzung mit abweichendem Verhalten weckt unterschiedliche Erwartungen. Hier ein kurzer Eindruck von der Veranstaltung.
Wer sich genauer informiert hatte, wußte, dass die Veranstaltung in zwei Teile zerfallen würde, deren Beziehung zum übergeordneten Titel sich tatsächlich nur noch für speziell an Diskursanalyse Interessierte ohne weiteres erschließen würde. Glücklich, wer gut informiert war.

Kathrin Franke hielt unter dem Titel „Über die Grenzen der Diskursanalyse am Beispiel dezisionistischer Verfahrensweisen im Strafrecht“ den ersten der beiden Vorträge.

Ihre These: Diskursanalyse laufe Gefahr, das Subjekt nicht mehr weiter wahrzunehmen, da ihre Apologeten heute zur sehr von der Herrschaft des Diskurses über das Subjekt überzeugt seien. Ein konkretes Beispiel zeige aber, dass dies so nicht ohne weiteres stimme.

So habe ein Patient der forensischen Psychatrie zunächst seine Therapietagebücher und später sogar den Schriftverkehr mit übergeordneten Institutionen und dem Ministerium dazu genutzt, Konflikte zwischen Personal und Patienten sowie andere Missstände aufzuzeigen und es sei ihm sogar gelungen, auf diese Weise Verhandlungen mit Mitarbeitern der Exekutive bezogen auf seine eigene Position zu führen, obwohl der medizinisch-juristisch-gutachterliche „Diskurs“ dies rein theoretisch aufgrund der Beurteilung solchen Verhaltens als schlicht „non-compliant“ nicht zugelassen hätte.

Das solchermaßen abweichende Verhalten – abweichend nämlich von den Erwartungen der diskursanalytischen Theoriepositionen – sei jedoch so nicht aktenkundig geworden, sodass ein bloßes, diskursanalytisch interessiertes Aktenstudium auch hier das Subjekt nicht entdeckt hätte. Daher sieht sich Franke berechtigt anzunehmen, dass solche Fälle mit Sicherheit keine Einzelfälle seien, auch wenn sie der Theorie widersprächen.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass, soweit ich das verstanden habe, Franke zufolge in der Diskursanalyse niemand mit der Kreativität eines Subjekts rechnet, welches sich aus den Zwängen bestimmter Diskurse befreien will und dadurch ein Verhalten an den Tag legt, dass sich nicht ohne weiteres aus den herrschenden Diskursen erklären lässt – schon gar nicht der um geschlossene Theoriebildung bemühte Diskurs- bzw. Gouvernementalitätsanalytiker.

Bezogen auf die Erwartung, etwas über die „Konstruktion“ abweichendem Verhaltens im Sinne einer Bauanleitung zu erfahren – wie also politisch abweichendes, konfligierendes oder gar innovierendes Verhalten zu erzeugen sei – davon leider keine Spur. Vielleicht – aber das möge man verzeihen – war diese Erwartung auch ein bisschen naiv. Aber „abweichendes Verhalten“ kann man auch ganz anders deuten, ohne über Psychatrie nachdenken zu müssen.
Auch die von Max Schochow angekündigten „Reisen durch die Welt der Geschlechtsbestimmer“ ließen mich nicht hoffen und so verließ ich beruhigt die Veranstaltung, wissend, dass verrückt sein noch nicht das Ende kritischen und dennoch glaubwürdigen Schreibens ist, wie das von Franke vorgestellt Beispiel zeigt.

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